Grönländischer Eisschild: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Klimawandel
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[[Bild:Auslassgletscher Karal.jpg|thumb|520px|Abb. 1: Gletscherzunge der Auslassgletscher Karal und Knut Rasmussen an der Ostküste Grönlands]]
[[Bild:Auslassgletscher Karal.jpg|thumb|520px|Abb. 1: Gletscherzunge der Auslassgletscher Karal und Knut Rasmussen an der Ostküste Grönlands]]
[[Bild:Grönland Oberflächenänderung2003-2012.jpg|thumb|320px|Abb. 2: Eisverlust nach GRACE-Messungen in cm Wasseräquivalent pro Jahr]]
[[Bild:GIS-Masse-2002-2025.jpg|thumb|520px|Abb. 2: Änderung der Massenbilanz des Grönländischen Eisschildes 2002-2025 ]]
Anders als bei der [[Antarktischer Eisschild|Antarktis]] ist das aufgrund der geographischen Lage um 10-15 °C wärmere Klima Grönlands eher fremdbestimmt und wird stark durch die nordamerikanische und eurasische Landmasse und vor allem den Nordatlantik beeinflusst. Einerseits sind daher die Niederschläge deutlich höher als über der Antarktis, andererseits gibt es im Sommer umfangreiche Schmelzvorgänge an der Oberfläche, die sich über nahezu die Hälfte des Eisschildes erstrecken können und deren Wasser größtenteils ins Meer abfließt. Ein anderer Teil des Eises geht auch durch Kalben und Gletscherabflüsse ins Meer verloren. Während der antarktische Eisschild mit Ausnahme einiger Randgebiete der Westantarktis nur sehr verzögert auf Klimaänderungen reagiert, zeigt der Eisschild auf Grönland deutlich stärker die Folgen des aktuellen Klimawandels.
== Historische und aktuelle Änderungen ==
Im gegenwärtigen Klima gibt es auf der Erde nur die beiden [[Eisschilde]] auf Grönland und der Antarktis. Während der [[Eiszeitalter|letzten Kaltzeit]] lagen auch über große Teile Nordamerikas und Eurasiens mächtige Inlandeismassen, und das Eisvolumen während des letzten glazialen Maximums um 21000 Jahre vh. war mehr als doppelt so groß wie heute. Während dieser Zeit war das Eisvolumen Grönlands so groß, dass es bei seinem Abschmelzen einen Meeresspiegelanstieg von 12 m bewirkt hätte. Die heutige Eismasse Grönlands würde nur zu einem Anstieg von 7,4 m führen.<ref name="IPCC 2021">IPCC AR6 WGI (2021): Ocean, Cryosphere and Sea Level Change, 9.4.1</ref>  Auf einer Fläche von 1,7 km<sup>2</sup> speichert der Grönländische Eisschild eine Eismasse von 3 Mio. km<sup>3</sup>.<ref name="Otosaka 2023a">Otosaka, I.N., M. Horwath, R. Mottram et al. (2023): [https://doi.org/10.1007/s10712-023-09795-8 Mass Balances of the Antarctic and Greenland Ice Sheets Monitored from Space]. Surv Geophys 44, 1615–1652</ref>


[[Bild:Greenland speed mass.jpg|thumb|320px|Abb. 3: Die Abbildungen zeigen die Veränderung des Eisabflusses (links) und der Eismasse (rechts) des Grönländischen Eisschilds im Zeitraum 1972-2018. Links: Rote Farben zeigen eine Zunahme des Eisabflusses, blau eine Abnahme des Eisabflusses in % an. Die Größe der Kreise zeigt die Veränderung pro Jahr in Gt. Rechts: Rote Farben zeigen eine Abnahme der Eismasse, blau eine Zunahme an. Die Größe der Kreise zeigt die Größenordnung der Veränderung seit 1972. Grönland ist hier in sieben Regionen eingeteilt: SW=Südwesten, CW=Zentralwesten, NW=Nordwesten, NO=Norden, NE=Nordosten, CE=Zentralosten und SE=Südosten. ]]
In den letzten Jahrzehnten hat der Eisschild auf Grönland deutlich an Masse verloren. Höhen- und Schwerefeldmessungen durch Satelliten zwischen 2003 bis 2023 haben einen Massenverlust von 4362 Mrd. Tonnen Eis festgestellt. Das entspricht einem Meeresspiegelanstieg von 1,2 cm, über alle Ozeane verteilt. Die Ränder des Eisschilds verloren einige Meter an Höhe, die in den Ozean mündenden Auslassgletscher wurden sogar um 20-40 m dünner. Der Jakobshavn Isbrae an der Westküste Grönlands verlor eine Höhe von fast 70 m.<ref name="IPCC 2021"/><ref name="Khan 2025">Khan, S. A., H. Seroussi, M. Morlighem et al. (2025): [https://doi.org/10.5194/essd-17-3047-2025 Smoothed monthly Greenland ice sheet elevation changes during 2003–2023]</ref>
[[Bild:Greenland SMB D 1972-2018.jpg|thumb|320px|Abb. 2b: Oberflächen-Massenbilanz (SMB=Surface Mass Balance) in Gt/Jahr (blau), Eisabfluss (D=Discharge) in Gt/Jahr (rot) und gesamte Massenbilanz (SMB-D) in Gt/Jahr (lila).]]
===Aktuelle Veränderungen===


Eine in jüngster Zeit angewandte Art, die Massenbilanz eines Eisschildes zu bestimmen, ist die geodätische Methode, bei der die Höhenänderungen der Eisoberfläche über einen bestimmten Zeitraum bestimmt werden. Dazu werden die Oberflächenhöhen durch Satellitenmessungen erfasst. Die Satellitendaten müssen jedoch durch Bodenmessungen überprüft und bei Bedarf korrigiert werden, da die Eisoberfläche sich auch durch Dichteschwankungen im Firneis oder durch isostatische Bewegungen des Untergrundes verändern kann. Ein Problem bei diesen Messungen sind u.a. die kurzen Zeitreihen, da Satellitenmessungen nicht weit zurückreichen.
Anders als bei der [[Antarktischer Eisschild|Antarktis]] ist das aufgrund der geographischen Lage um 10-15°C wärmere Klima Grönlands eher fremdbestimmt und wird stark durch die nordamerikanische und eurasische Landmasse und vor allem den Nordatlantik beeinflusst. Einerseits sind daher die Niederschläge deutlich höher als über der Antarktis, andererseits gibt es im Sommer umfangreiche Schmelzvorgänge an der Oberfläche, die sich über nahezu die Hälfte des Eisschildes erstrecken können und deren Wasser größtenteils ins Meer abfließt. Ein anderer Teil des Eises geht auch durch Kalben und Gletscherabflüsse ins Meer verloren. Während der antarktische Eisschild mit Ausnahme einiger Randgebiete der Westantarktis nur sehr verzögert auf Klimaänderungen reagiert, zeigt der Eisschild auf Grönland deutlich stärker die Folgen des aktuellen Klimawandels.


Eine weitere Methode ebenfalls durch Satelliten sind Schwerefeldmessungen, die seit 2002 in dem deutsch-amerikanische Projekt GRACE<ref>GRACE steht für ''Gravity Recovery And Climate Experiment''; vgl. Die [https://www.dlr.de/rb/desktopdefault.aspx/tabid-9361/4262_read-6309/ Infoseite bei der Deutschen Luft- und Raumfahrtgesellschaft DLR]</ref> durchgeführt werden und Veränderungen der Eismasse bestimmen. 2018 wurde das Projekt durch GRACE-Follow-On ersetzt.<ref>DLR: [https://www.dlr.de/rb/desktopdefault.aspx/tabid-12671/22105_read-39781/ GRACE-Follow-On]</ref> Abb.2 stellt den Eisverlust des Grönlandeisschildes zwischen 2003 und 2012 durch Messungen von Schwereanomalien auf der Erde durch Satelliten des GRACE-Projekts in cm Wasseräquivalent pro Jahr dar. Die Daten zeigen starke Verluste von bis zu 10 cm jährlich vor allem im Süden und Westen der Insel.<ref> IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 4.4.2</ref> Im Landesinnern im Nordosten herrscht eine nahezu ausgeglichene Massenbilanz aufgrund von höherem Schneefall im Vergleich zum Abschmelzen. Eine positive Massenbilanz wie noch in den 1990er Jahren ist auf der ganzen Insel nicht zu erkennen. Die Messungen zeigen u.a., dass sich der Massenverlust des Eisschildes auf Grönland von 137 Gt/Jahr im Zeitraum 2002-2003 auf 286 Gt/Jahr im Zeitraum 2007-2009 mehr als verdoppelt hat.<ref>Velicogna, I. (2009): Increasing rates of ice mass loss from the Greenland and Antarctic ice sheets revealed by GRACE, Geophysical Research Letters, VOL. 36, L19503, doi:10.1029/2009GL040222</ref>
[[Bild:Greenland SMB D 1972-2018.jpg|thumb|320px|Abb. 3: Oberflächen-Massenbilanz (SMB=Surface Mass Balance) in Gt/Jahr (blau), Eisabfluss (D=Discharge) in Gt/Jahr (rot) und gesamte Massenbilanz (SMB-D) in Gt/Jahr (lila).]]


Die Eisschmelze im Jahr 2012 übertraf dann aber alle früheren Rekorde der Satellitenära. Im Juli 2012 kam es auf Grönland zu einem extremen Schmelzereignis, wie es nur alle 150 Jahre auftritt. Satellitenbeobachtungen zeigten am 12. Juli 2012, dass auf 98,6 % der 1,71 Mio km<sup>2</sup> großen Fläche Grönlands das Eis schmolz. Normal wären zu dieser Zeit Schmelzvorgänge auf 40-50 % der Fläche.<ref>Nghiem, S.V., et al. (2012): The extrem melt across the Greenland ice sheet in 2012, Geophysical Research Letters 39, doi:10.1029/2012GL053611</ref> Sogar auf den höchsten Teilen des Eisschildes in ca. 3000 m Höhe schmolz der Schnee des letzten Winters. Die Eisschmelze im Juli 2012 war durch ungewöhnlich warme Wetterverhältnisse bedingt. Die durch ein ausgedehntes [[Hochdruckgebiet]] verursachten hohen Temperaturen, die ca. 2 °C über dem Mittel von 1981-2010 lagen, hielten den ganzen Sommer über bis zum September an. Insgesamt gab es im Jahr 2012 in geringen Höhenlagen entlang der Südwestküste mehr als 120 Schmelztage und mehr als 100 Schmelztage weit im Norden und an der Südostküste.<ref name="NSIDC 2012">National Snow and Ice Data Center (2012): [http://nsidc.org/greenland-today/2013/02/greenland-melting-2012-in-review/ An intense Greenland melt season: 2012 in review]</ref>
== Überblick über die Ursachen ==
Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland geschieht durch zwei grundlegend verschiedene Prozesse:


Gemittelt über die Satellitenära 1992-2018 hat der Grönländische Eisschild -148 Gt/Jahr an Eismasse verloren. Im neuen Jahrhundert (2003-2016) steigerte sich dieser Wert auf -255 Gt/Jahr. 2017 und 2018 ging der Verlust allerdings auf ca. -100 Gt/Jahr zurück. 2019 zeigte jedoch mit -532 Gt/Jahr einen Rekordverlust an Eismasse, der auch den des bisherigen Rekordjahres 2012 (464 Gt/Jahr) noch übertraf. In beiden Jahren waren die jeweiligen Eisverluste durch Schmelzwasserabfluss und Eisabfluss etwa gleich groß. 2019 fiel jedoch ca. 100 Gt weniger Schnee. Im Zeitraum zwischen 1949 und 2019 lagen die fünf Jahre mit den höchsten Massenverlusten des Grönländischen Eisschildes alle im letzten Jahrzehnt; der Rangfolge nach waren es 2019, 2012, 2010, 2011 und 2016. Der Beitrag zum [[Aktueller Meeresspiegelanstieg|Meeresspiegelanstieg]] durch den Eisverlust Grönlands betrug im 20. Jahrhundert (1900-1983) lediglich 0,21 mm/Jahr. Zwischen 2005 und 2017 erhöhte er sich jedoch auf 0,76 mm/Jahr (von 3,5 mm/Jahr insgesamt) und war damit etwa gleich groß wie der aller [[Gletscher im Klimawandel|Gletscher]] auf der Erde zusammen.<ref name="Sasgen 2020">Sasgen, I., Wouters, B., Gardner, A.S. et al. Return to rapid ice loss in Greenland and record loss in 2019 detected by the GRACE-FO satellites. Commun Earth Environ 1, 8. https://doi.org/10.1038/s43247-020-0010-1</ref>
''' 1. Das Eis schmilzt an der Oberfläche des Eisschilds ab. Daran sind verschiedene Prozesse beteiligt.'''
* Atmosphärische Prozesse: Die Lufttemperatur nimmt zu, und es fällt mehr Regen als Schnee.
* Durch schneefreie Eisoberflächen, Ruß- und Staubablagerungen und Algenblüte verringert sich die Albedo. Es werden mehr Sonnenstrahlen absorbiert, die das Schmelzen verstärken.
* Geologische Prozesse: Durch das Abschmelzen des Eises sinkt die Eisoberfläche auf geringere Höhen ab. Dort ist es wärmer, wodurch mehr Eis abschmilzt. Diesem Vorgang wirkt in geringerem Maße entgegen, dass durch das Abschmelzen von Eis der Untergrund entlastet wird und sich etwas anhebt. 
''' 2. Der Grönländische Eisschild ist über 3000 m hoch. Dadurch fließt das Eis langsam Richtung Meer ab.'''
* Schmelzwasser kann durch Gletscherspalten bis auf den Boden gelangen und das Abfließen beschleunigen. 
* Durch die Randgebirge ins Meer mündende Gletscher nennt man Auslassgletscher. Sie werden durch die wärmere Luft über dem Wasser und durch das warme Ozeanwasser weiter abgeschmolzen.
* Schwimmende Gletscherzungen brechen durch Kalben ab und lösen sich im Meerwasser auf.


Nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2019<ref name="Mouginot 2019">Jérémie Mouginot, Eric Rignot, Anders A. Bjørk, Michiel van den Broeke, Romain Millan, Mathieu Morlighem, Brice Noël, Bernd Scheuchl, and Michael Wood (2019): [https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1904242116 Forty-six years of Greenland Ice Sheet mass balance from 1972 to 2018], PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.1904242116</ref> hat Grönland zwischen 1972 und 2018 fast 5000 Gt Eis verloren und damit den globalen Meeresspiegel um 13,7 mm ansteigen lassen. Von den sieben Regionen Grönlands  hat der Nordwesten mit 1578 Gt seit 1972 bzw. einem Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von 4,4 mm den größten Nettoverlust an Eis aufzuweisen. Über den gesamten Zeitraum von 1972 bis 2018  wurde der grönländische Eisverlust mit 66 % eindeutig durch die Eisdynamik (den Eisabfluss über Auslassgletscher) dominiert, während die Oberflächen-Massenbilanz dazu nur mit 34 % beitrug. 2018 hatte Grönland zwar eine deutlich positive Oberflächen-Massenbilanz (die durch die Differenz von Schneefall und Abtauen an der Eisoberfläche gebildet wird) von 449 Gt zu verzeichnen, der Eisabfluss betrug jedoch 555 Gt und sorgte damit für einen Netto-Eisverlust von 105 Gt.
== Abschmelzen an der Oberfläche ==
Der Massenverlust des Grönländischen Eisschilds wird zunehmend durch eine verstärkte Oberflächenschmelze dominiert. Während der letzten 40 Jahre wurden rund 35 % des beobachteten Massenverlusts auf Veränderungen der Oberflächenmassenbilanz zurückgeführt, und 65 % auf eine Zunahme der Abflussströme des Eisschilds.<ref name="Zeitz 2021">Zeitz, M., R. Reese, J. Beckmann et al. (2021): [https://doi.org/10.5194/tc-15-5739-2021 Impact of the melt–albedo feedback on the future evolution of the Greenland Ice Sheet with PISM-dEBM-simple], The Cryosphere, 15, 5739–5764</ref>  Im Zeitraum 2009–2012 hat der Anteil des Abschmelzens an der Oberfläche auf 68% zugenommen.<ref name="IPCC 2021"/>  Das Abschmelzen an der Eisoberfläche hat nach 1990 um ca. 8 Gt pro Jahr zugenommen. Besonders stark war die Zunahme durch extreme Schmelzereignisse wie 2012, 2019 und 2023 mit über 100 Gt/Jahr.<ref name="Zhang 2025">Zhang, Q.-L., M.-H. Ding, M.R. van den Broeke et al. (2025): [https://doi.org/10.1016/j.accre.2025.05.004 Variations in Greenland surface melt and extreme events from 1958 to 2023], Advances in Climate Change Research, 16, 5</ref>
 
=== Wetterlagen ===
Das Abschmelzen ist stark durch den Zustand der Atmosphäre über dem Eisschild bedingt. Auf Grönland wirken sich dabei die Veränderungen in der Arktis aus. Keine Großregion der Erde hat sich so stark durch den Klimawandel erwärmt wie die Arktis. Im Vergleich zum globalen Durchschnitt war die Erwärmung in der Arktis fast viermal so stark.<ref name="Rantanen 2022">Rantanen, M., Karpechko, A.Y., Lipponen, A. et al. (2022): [https://doi.org/10.1038/s43247-022-00498-3 The Arctic has warmed nearly four times faster than the globe since 1979]. Commun Earth Environ 3, 168</ref> Auch die Niederschläge und besonders extreme Niederschläge haben zugenommen. Durch die höheren Temperaturen fallen die Niederschläge zunehmend als Regen. Durch höhere Temperaturen und Regen geht die Schneebedeckung zurück. So hat die Dauer der Schneebedeckung seit den 1960er Jahren um 50% abgenommen.<ref name="Druckenmiller 2025">Druckenmiller, M.L., R.L. Thoman and T.A. Moon (2025): [https://doi.org/10.25923/nrzf-j897 NOAA Arctic Report Card 2025]: Executive Summary</ref> 
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| [[Bild:Greenland-melting-4-years.jpg|thumb|640px|Abb. 4: Höhenänderung der Oberfläche Grönlands durch das Abschmelzen von Eis in m/Jahr. 2012 und 2019 waren die Jahre mit dem stärksten Abschmelzen an der Oberfläche des Eisschildes. ]]
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|}


===Ursachen ===
Eine wichtige Rolle für das lokale Klima über Grönland spielen kurzfristige Wetterlagen, deren Trend auf ein verändertes Klima weist. Ein besonderes Ereignis war der erste Regen am 14. August 2021 über dem höchsten Punkt des grönländischen Eisschildes. In einer Höhe von 3.216 m erreichte die Temperatur an diesem Tag +0,5°C über dem Gefrierpunkt und lag damit rund 15°C über dem langfristigen Mittel für den Monat August.<ref name=AWI 2021">AWI (2021): [https://www.arctic-office.de/fileadmin/user%20upload/www.arctic-office.de/PDF%20uploads/Fact%20Sheets/FactSheet%20GROCE%20deutsch.pdf Das Grönländische Eis]</ref>  In jüngster Zeit kam es in den Jahren 2012, 2019 und 2023 zu extremen Schmelzereignissen. 2012 wurden mehr als 20 Gt Schmelzwasser erzeugt und 98,6% der Fläche Grönlands waren vom oberflächlichen Abschmelzen betroffen.<ref name="Mchedlishvili 2025">Mchedlishvili, A., Vountas, M., and Bösch, H. (2025): [https://doi.org/10.5194/egusphere-2025-6424 The Anomalously Warm Summer of 2023 Over Greenland as Compared to Previous Record Melt Summers of 2012 and 2019], EGUsphere [preprint]</ref>   


Die Ausdünnung des Eises in den tieferen Lagen ist weitgehend konsistent mit den ansteigenden Sommertemperaturen der letzten Jahre. Gerade in den Jahren nach 2009 kam es zu Wetterlagen, die das Abschmelzen des grönländischen Eises weiter beschleunigten. Die mit einer schwachen [[Nordatlantische Oszillation|NAO]] verbundenen besonders kalten Winter 2009/10 und 1010/11 in Europa bedeutete vor allem für Westgrönland besonders warme Verhältnisse. Schon während der gesamten 2000er Jahre lag der NAO-Sommer-Index um 2,4 Standardabweichungen unter dem Mittel von 1970-1999. Dadurch strömte zunehmend warme Luft von Süden entlang des westlichen Eisschildes. Zugleich bewirkte Hochdruckwetter über Grönland einen klaren Himmel mit geringer Bewölkung und starker Einstrahlung. Hinzu kam ein geringer Schneefall.<ref name="Box 2012">Box, J.E., et al. (2012): [http://www.the-cryosphere.net/6/821/2012/tc-6-821-2012.html Greenland ice sheet albedo feedback: thermodynamics and atmospheric drivers], The Cryosphere, 6, 821–839</ref> Die Folge waren ungewöhnlich warme Temperaturen vor allem über Westgrönland. Vom Winter 2009/10 bis hin zum Sommer 2010 wurden in Westgrönland die höchsten Temperaturen seit Beginn der Messungen im Jahre 1873 gemessen. Vereinzelt lagen die Werte im Winter um 7 °C über dem Mittel der Jahre 1971-2000.<ref name="Blunden 2011">Blunden, J., D.S. Arndt, and M. O. Baringer, Eds. (2011): State of the Climate in 2010. Bulletin of the American Meteorological Society, 92 (6), S1–S266</ref>  
Als Ursache für die extremen Schmelzereignisse werden Änderungen der atmosphärischen Zirkulation diskutiert. Durch sie entstünden Atmosphärische Flüsse, die feucht-warme Luftmassen vom Nordatlantik nach Grönland lenken. Beim Anheben über dem Eisschild kühlen diese sich ab und bilden Wolken.<ref name="Mchedlishvili 2025"/> Die Wolkendecke führt zu einer erhöhten abwärts gerichteten langwelligen Strahlung, was Erwärmung in Bodennähe und Schmelzprozesse bewirkt oder das Wiedergefrieren verhindert.<ref name="IPCC 2021"/>


Die zunehmend längere Schmelzsaison und die hohen Temperaturen trugen zum Abschmelzen der Schneedecke aus dem letzten Winter bei, so dass das nackte Eis zum Vorschein kam mit der Konsequenz einer starken Reduktion der [[Albedo|Oberflächenalbedo]]. Hinzu kam, dass der sommerliche Schneefall deutlich unter dem Mittel lag.<ref name="Tedesco 2011">Tedesco, M., et al. (2011): The role of albedo and accumulation in the 2010 melting record in Greenland, Environmental Research Letters 6, doi:10.1088/1748-9326/6/1/014005</ref> Die mittlere Albedo des Eisschildes verringert sich im Jahresverlauf von 0,84 im April auf 0,71 Mitte Juli. 2010 lag die Albedo in der Schmelzsaison um mehr als 2 Standardabweichungen unter dem Mittel von 2000-2011. Noch niedriger war sie im Juni und Juli 2011. Insgesamt sank die Albedo von 0,72 in 2000 auf 0,63 in 2011. Dadurch dehnten sich die Flächen von nacktem Eis zunehmend aus, wodurch die Albedo reduziert wurde. Die Folge war ein positiver [[Eis-Albedo-Rückkopplung|Rückkopplungseffekt]], da die dunkleren Eisflächen mehr Strahlung absorbierten, wodurch die Eisschmelze weiter angetrieben und die dunkleren Eisflächen sich noch mehr ausbreiteten. Über den Schmelzgebieten hat die positive Eis-Albedo-Rückkopplung in den Jahren 2010 und 2011 mehr als die Hälfte der Zunahme der Eisschmelze bewirkt.<ref name="Box 2012" />
Aber auch ein wolkenloser Himmel kann eine Erwärmung und das Abschmelzen von Eis verstärken, da dadurch die direkte Sonneneinstrahlung erhöht wird. Solche Situationen sind oft mit blockierenden Hochdruckgebieten verbunden, in denen Luftmassen absinken und sich dadurch erwärmen. Bei allen drei extremen Schmelzereignissen der Jahre 2012, 2019 und 2013 spielten Hochdruckverhältnisse eine Rolle.  Durch den Klimawandel wird es zu häufigeren Hochdruckverhältnissen kommen.<ref name="Mchedlishvili 2025"/>  Die Hochdruckgebiete verharren zunehmend durch sich abschwächende großräumige Luftströmungen am selben Ort und sorgen für stabiles Strahlungswetter. U.a. sind blockierende Hochdruckwetterlagen mit einer sich abschwächenden Nordatlantischen Oszillation (NAO) in Verbindung gebracht worden.<ref name="Beckmann 2023">Beckmann, J. and R. Winkelmann (2023): [https://doi.org/10.5194/tc-17-3083-2023 Effects of extreme melt events on ice flow and sea level rise of the Greenland Ice Sheet], The Cryosphere, 17, 3083–3099</ref>  
 
=== Änderungen der Oberflächenalbedo ===
Das Abschmelzen des Grönlandeises wird auch dadurch verstärkt, dass die Eisoberfläche dunkler wird und damit weniger Sonnenstrahlung reflektiert und mehr absorbiert. Dadurch erwärmt sich die Luft über dem Eis. Der wichtigste Grund ist das Abschmelzen selbst. Eine mit Neuschnee bedeckte Eisoberfläche besitzt eine Albedo von bis zu 95%, d.h. sie reflektiert 95% der Sonneneinstrahlung. Sauberes blankes Eis weist nur noch eine Albedo von 45-55% auf, absorbiert also die Hälfte der Solarstrahlung. Wenn dieses Eis noch durch Ruß, Staub und Algenwachstum verschmutzt wird, kann die Albedo noch weiter auf 27% sinken.<ref name="Zeitz 2021"/>  Zusätzlich können sich dunklere Flächen auch dadurch bilden, dass sich das Schmelzwasser in Seen auf der Oberfläche des Eisschildes sammelt.<ref name=AWI 2021"/>
 
Rußablagerungen entstehen vor allem durch Waldbrände. Diese treten in jüngster Zeit als Busch- und Moorbrände auch auf Grönland auf wie z.B. im August 2017.<ref name="NASA 2017">NASA Earth Observatory (2017): [https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/fire-and-ice-in-greenland-90709/ Fire and Ice in Greenland]</ref>  Hauptsächlich sind jedoch die großen Waldbrände in den letzten Jahren in Kanada und anderen arktischen Regionen für Rußablagerungen auf dem grönländischen Eis verantwortlich. Rauchschwaden der Rekord-Brände in Kanada 2023 reichten bis nach Europa. Ein viel untersuchtes Phänomen auf dem grönländischen Eisschild ist das Algenwachstum, das zu einer dunkleren Oberfläche führt und mehr Sonnenlicht absorbiert. Das Wachstums purpurfarbenen Algen wurde seit 20 Jahren beobachtet. Es wird angetrieben durch zunehmende Phosphor- und Stickstoffnährstoffe, die vor allem aus dem abschmelzenden älteren Eis freigesetzt werden.<ref name="Gill-Olivas 2026">Gill-Olivas, B., P. Forjanes, T.C. Turpin-Jelfs et al. (2026): [https://doi.org/10.1038/s41467-026-68625-8 Ablation provides key macronutrients (nitrogen and phosphorous) to glacier ice algae in NW Greenland]. Nat Commun 17, 2129</ref>
 
=== Höhen-Rückkopplung ===
Aktuell liegt der Großteil der grönländischen Eisoberfläche aufgrund der Mächtigkeit des Eisschildes in einer Höhe, in der es wie im Gebirge ganzjährlich kalt ist. Je weiter das Eis jedoch abschmilzt, desto weiter sinkt auch die Oberfläche des Eisschilds ab, was an den Rändern schon passiert ist. Werden die Luftschichten an der Eisoberfläche mit geringerer Höhe wärmer, führt das zu einer Beschleunigung der Schmelze.<ref name=AWI 2021"/>  Diese Schmelz-Höhen-Rückkopplung stellt einen Zusammenhang zwischen Eisdicke und Schmelzraten dar. Je geringer die Oberflächenhöhe, desto höher sind die Schmelzraten. Das führt zu einer Ausdünnung des Eises, wodurch die Eisoberfläche auf eine noch geringere Höhe absinkt, die Temperatur ansteigt und die Schmelzraten weiter zunehmen.<ref name="Zeitz 2022">Zeitz, M., J.M. Haacker, J.F. Donges et al. (2022): [https://doi.org/10.5194/esd-13-1077-2022 Dynamic regimes of the Greenland Ice Sheet emerging from interacting melt–elevation and glacial isostatic adjustment feedbacks], Earth Syst. Dynam., 13, 1077–1096</ref>  
 
Dieser Schmelz-Höhen-Rückkopplung wirkt jedoch ein anderer Prozess entgegen. Durch das Abschmelzen von Eis ändert sich die Eislast auf den Felsuntergrund. Das löst eine sehr langsame Anhebung des Felsuntergrunds aus, die sich über lange Zeiträume von Hunderten bis Tausenden von Jahren erstreckt. Die aktuell beobachteten Hebungsraten in Grönland liegen zwischen 5,6 und 18 mm pro Jahr. Dabei spielen sich die Anhebungsraten auf zwei unterschiedlichen Zeitskalen ab. Einerseits wirkt sich heute noch immer die Entlastung durch die abgeschmolzenen Eismassen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 11.000 Jahren aus. Andererseits reagiert der Felsuntergrund auch auf aktuelle Entlastungen, wie z.B. bei dem extreme Schmelzereignis des Jahres 2012.<ref name="Zeitz 2022"/>
 
== Eisdynamik ==


Neben Abschmelzprozessen spielen dynamische Veränderungen des Eisabflusses eine wichtige Rolle. Von dem Eisverlust von 60 km<sup>3</sup> (Kubikkilometer) pro Jahr Mitte der 1990er Jahre waren etwa 24 km<sup>3</sup> dynamisch bedingt; um das Jahr 2000 gingen von den 80 km<sup>3</sup> Eisverlust pro Jahr bereits 34 km<sup>3</sup> auf das Konto des verstärkten Eisabflusses. Davon wurden allein 10 km<sup>3</sup> pro Jahr durch die Abflussveränderungen eines einzigen Gletschers, des Jakobshavn Isbrae an der Westküste, verursacht, dessen Abflussgeschwindigkeit sich in wenigen Jahren (1997-2002) von 7 auf 12 Kubikkilometer pro Jahr erhöhte.<ref>Krabill, W., Hanna, E.; Huybrechts, P., Abdalati, W., Cappelen, J., Csatho, B., Frederick, E., Manizade, S., Martin, C., Sonntag, J., Swift, R., Thomas, R., Yungel, J. (2004): Greenland Ice Sheet: Increased coastal thinning, Geophys. Res. Lett., Vol. 31, No. 24, L24402 10.1029/2004GL021533</ref> In den letzten Jahren sind zwei Gletscher an der Ostküste mit ähnlichem Verhalten hinzugekommen, der Kangerdlugssuaq und der Helheim-Gletscher.<ref>Luckman, A., T. Murray, R. de Lange, E. Hanna (2006): Rapid and synchronous ice-dynamic changes in East Greenland, Geophys. Res. Lett., Vol. 33, No. 3, L03503, doi:10.1029/2005GL025428</ref>  
Neben Abschmelzprozessen spielen dynamische Veränderungen des Eisabflusses eine wichtige Rolle. Von dem Eisverlust von 60 km<sup>3</sup> (Kubikkilometer) pro Jahr Mitte der 1990er Jahre waren etwa 24 km<sup>3</sup> dynamisch bedingt; um das Jahr 2000 gingen von den 80 km<sup>3</sup> Eisverlust pro Jahr bereits 34 km<sup>3</sup> auf das Konto des verstärkten Eisabflusses. Davon wurden allein 10 km<sup>3</sup> pro Jahr durch die Abflussveränderungen eines einzigen Gletschers, des Jakobshavn Isbrae an der Westküste, verursacht, dessen Abflussgeschwindigkeit sich in wenigen Jahren (1997-2002) von 7 auf 12 Kubikkilometer pro Jahr erhöhte.<ref>Krabill, W., Hanna, E.; Huybrechts, P., Abdalati, W., Cappelen, J., Csatho, B., Frederick, E., Manizade, S., Martin, C., Sonntag, J., Swift, R., Thomas, R., Yungel, J. (2004): Greenland Ice Sheet: Increased coastal thinning, Geophys. Res. Lett., Vol. 31, No. 24, L24402 10.1029/2004GL021533</ref> In den letzten Jahren sind zwei Gletscher an der Ostküste mit ähnlichem Verhalten hinzugekommen, der Kangerdlugssuaq und der Helheim-Gletscher.<ref>Luckman, A., T. Murray, R. de Lange, E. Hanna (2006): Rapid and synchronous ice-dynamic changes in East Greenland, Geophys. Res. Lett., Vol. 33, No. 3, L03503, doi:10.1029/2005GL025428</ref>  
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Ein weiterer Antrieb liegt in dem zunehmenden Eindringen von Schmelzwasser in Eisspalten bis auf den Grund, wo es unter dem Eis eine Art Schmierfilm bilden und damit die Abflussgeschwindigkeit der Gletscher beschleunigen kann. Die beobachtete Beschleunigung der Gletscherströme sind allerdings noch zu jung und die Datenreihen zu kurz, um mit Sicherheit zu entscheiden, ob es sich um eine kurzfristige Schwankung oder einen längeren Trend handelt.<ref name="Alley">Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460</ref> Untersuchungen zum jahreszeitlichen Verhalten der Schmelzprozesse lassen allerdings vermuten, dass in einem wärmeren Klima das Wasser noch weiter im Inland unter den Eisschild gelangt und die Bewegung der Eismassen beschleuinigen könnte.<ref>Bartholomew, I., et al.(2010): Seasonal evolution of subglacial drainage and acceleration in a Greenland outlet glacier, Nature Geoscience 3, 408–411</ref>
Ein weiterer Antrieb liegt in dem zunehmenden Eindringen von Schmelzwasser in Eisspalten bis auf den Grund, wo es unter dem Eis eine Art Schmierfilm bilden und damit die Abflussgeschwindigkeit der Gletscher beschleunigen kann. Die beobachtete Beschleunigung der Gletscherströme sind allerdings noch zu jung und die Datenreihen zu kurz, um mit Sicherheit zu entscheiden, ob es sich um eine kurzfristige Schwankung oder einen längeren Trend handelt.<ref name="Alley">Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460</ref> Untersuchungen zum jahreszeitlichen Verhalten der Schmelzprozesse lassen allerdings vermuten, dass in einem wärmeren Klima das Wasser noch weiter im Inland unter den Eisschild gelangt und die Bewegung der Eismassen beschleuinigen könnte.<ref>Bartholomew, I., et al.(2010): Seasonal evolution of subglacial drainage and acceleration in a Greenland outlet glacier, Nature Geoscience 3, 408–411</ref>


[[Bild:Groenland3000-5000.jpg|thumb|420px|Abb. 5: Der grönländische Eisschild bei einer CO<sub>2</sub>-Konzentration von 1000 ppm und einem langfristigen Temperaturanstieg von 8&nbsp;°C]]
[[Bild:GIS year 3000 RCPs.jpg|thumb|420px|Abb. 5: Eisbedeckung auf Grönland, gegenwärtig (2008) und im Jahr 3000 nach den [[RCP-Szenarien|Szenarien]] RCP2.6, RCP4.5 und RCP8.5. Blau-Weißfärbung: Wahrscheinlichkeiten der Abschätzung für die Eisbedeckung unter 16, um 50 und über 84 %. Z.B. nach dem Szenario RCP8.5 gibt es nur noch eine weniger als 16%-Wahrscheinlichkeit für eine Eisbedeckung im nordöstlichen Grönland.]]
 
== Projektionen ==
=== Projektionen ===
Das Abschmelzen von Eis und die globalen Folgen gehören zu den ‚großen wissenschaftlichen Herausforderungen‘ des Weltklimaforschungsprogramms.<ref>[https://www.wcrp-climate.org/grand-challenges/grand-challenges-overview WCRP Grand Challenges]</ref>  In den neuen [[Erdsystemmodelle]]n für den 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats [[IPCC]], der ab 2021 erschienen ist, werden daher auch dynamische Eisschildmodelle einbezogen. Im Mittelpunkt stehen dabei die komplexen Feedbackprozesse zwischen Eisschild und [[Atmosphäre im Klimasystem|Atmosphäre]] und Eisschild und [[Ozean im Klimasystem|Ozean]]. Heutige Eisschildmodelle erfassen einigermaßen gut die Oberflächenmassenbilanz, also den Prozess von Schneefall und Abschmelzen an der Oberfläche des Eisschilds in Wechselwirkung mit atmosphärischen Prozessen. Ein schwieriges Problem bleibt jedoch weiterhin die Simulation der komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Ozean und den im Meer mündenden Auslassgletschern. Hier sind zum einen die physikalischen Prozesse beim Kalben nicht vollständig verstanden und zum anderen müssten die Modelle noch höher aufgelöst gerechnet werden, um diese Prozesse adäquat abzubilden. Ein verbessertes Verständnis bedarf es auch bei den ozeanischen Prozessen, die den Transport von warmem Wasser vom offenen Ozean bis in die Fjorde und an die Gletscherfronten bestimmen und damit entscheidend zum Abtauen der Auslassgletscher beitragen.<ref name="Goelzer 2020">Goelzer, H., Nowicki, S., Payne, A., et al. (2020): The future sea-level contribution of the Greenland ice sheet: a multi-model ensemble study of ISMIP6, The Cryosphere Discuss., https://doi.org/10.5194/tc-2019-319</ref>


Wie sehen die Projektionen von Eismodellen für die Zukunft des grönländischen Eisschildes aus? Bis zum Ende des 21.&nbsp;Jahrhunderts wird es nach konservativen Modellberechnungen keine größeren Veränderungen geben. Der Massenverlust durch Schmelzen und Kalben von Eisbergen wird die Akkumulation zunehmend, aber nur langsam übertreffen, bei einem durchschnittlichen Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von 0,4&nbsp;mm/Jahr.<ref name="Alley"/> Allerdings berücksichtigen Modellrechnungen die Eisdynamik nicht, so dass diese Einschätzungen von anderen Autoren als deutlich zu niedrig eingestuft werden.<ref name="Rignot">Rignot, E., and P. Kanagaratnam (2006): Changes in the Velocity Structure of the Greenland Ice Sheet, Science 311, 986-990</ref> Bei einer längerfristigen Temperaturzunahme von 3&nbsp;°C und mehr wird auch nach Modellsimulationen das Abschmelzen der Oberfläche die Akkumulation deutlich übersteigen und der Eisschild wird sich verkleinern und letztlich verschwinden.  
Die seit dem 5. Sachstandsbericht des IPCC gerechneten Modelle stimmen darin überein, dass der Eisverlust Grönlands im 21. Jahrhundert unabhängig von den Szenarien stärker durch das oberflächliche Abschmelzen als durch die Eisdynamik bestimmt sein wird. Auf der Grundlage dieser Modellstudien wird nicht erwartet, dass der Grönländische Eisschild in einem [[RCP-Szenarien|RCP8.5-Szenario]] mehr als 20 cm zum [[Meeresspiegel der Zukunft|globalen Meeresspielanstieg im 21. Jahrhundert]] beitragen wird.<ref name="Oppenheimer 2019">Oppenheimer, M., B.C. Glavovic , J. Hinkel et al. (2019): Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities. In: IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, 4.2.3.1</ref> Nach jüngsten Projektionen mit einem Ensemble von Modellen für den 6. IPCC-Bericht wird der Grönländische Eisschild bis 2100  bei dem hohen Szenario RCP8.5 etwa 10 cm und bei dem niedrigen Szenario RCP2.6 ca. 3 cm zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Dabei zeigen sich nach Simulationen mit dem Szenario RCP8.5 über den Zeitraum 2015-2100 am Rande des Eisschildes starke Dickenabnahmen durch zunehmenden Schmelzwasserabfluss und den Rückzug der ins Meer mündenden Gletscher. An den äußeren, direkt ans Meer grenzenden Rändern ist die Höhenabnahme am größten und beträgt mehrere hundert Meter, während der Eisschild im Innern durch Schneeakkumulation um bis zu 10 m an Mächtigkeit gewinnt.<ref name="Goelzer 2020" /> 


[[Bild:GIS Eem 2models.jpg|thumb|420px|Abb. 6: Grönländischer Eisschild im Eem nach zwei Modellsimualtionen]]
Eine Untersuchung über den Eisverlust Grönlands über die nächsten 1000 Jahre kommt schon für das 21. Jahrhundert zu etwas abweichenden Ergebnissen.<ref name="Aschwanden 2019">Aschwanden, A., M.A. Fahnestock, M. Truffer, D.J. Brinkerhoff, R. Hock, C. Khroulev, R. Mottram, S.A. Khan  (2019): Contribution of the Greenland Ice Sheet to sea level over the next millennium, Science Advances  5 (6), DOI: 10.1126/sciadv.aav9396</ref> Bis 2100 könnte Grönland hiernach je nach Szenario 5-33 cm zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen und wird nach dem hohen RCP8.5-Szenario in Tausend Jahren sehr wahrscheinlich eisfrei sein (Abb. 5). Grönlands Beitrag zum Meeresspiegelanstieg über die nächsten 1000 Jahre würde bei 5-7 m liegen. Im 21. Jahrhundert  wird hiernach der Massenverlust des Eisschildes etwa zu gleichen Teilen durch Schmelzwasserabfluss und Eisdynamik (Kalben und frontales Abschmelzen) bedingt sein. Bei dem Szenario RCP8.5 wird die Eisdynamik dann immer wichtiger und die Schlüsselkomponente über die nächsten Jahrhunderte darstellen.
Wird die atmosphärische CO<sub>2</sub>-Konzentration in den nächsten 200-300&nbsp;Jahren auf 1000&nbsp;ppm steigen und sich auf diesem Niveau stabilisieren (so die Projektion des höchsten [[Klimaszenarien#Die_IPCC-Szenarien|IPCC-Szenarios A1Fl]]), wird die Temperatur um 8&nbsp;°C zunehmen, was in den nächsten 1000&nbsp;Jahren zum völligen Abschmelzen des Grönlandeises und einem Meeresspiegelanstieg um 7&nbsp;m führen wird. Dieses Ergebnis wird wahrscheinlich irreversibel sein. Denn ohne Eisschild wird sich das Klima auf Grönland wegen der wesentlichen geringeren Albedo der nicht mehr vom Eis bedeckten Landoberfläche deutlich erwärmen. Außerdem würde die Oberfläche Grönlands durch das Abschmelzen des Eispanzers in niedrigere und damit wärmere Höhenlagen absinken, was ebenfalls das weitere Abschmelzen beschleuinigen würde. Auch wenn die Konzentration der [[Treibhausgase]] und die globalen Klimaverhältnisse wieder zu den [[Industrielle_Revolution#Erste_Industrielle_Revolution_und_Klimawandel|vorindustriellen]] Bedingungen zurückkehren sollten, wird sich der grönländische Eisschild daher wahrscheinlich nicht wieder aufbauen.<ref> Gregory, J.M., P. Huybrechts, and S.C.B. Raper (2004): Threatened loss of the Greenland ice-sheet. Nature 428, 616</ref>


Eine neuere [[Klimamodelle|Modellstudie]] kommt sogar zu dem Ergebnis, dass eine wesentlich geringere Erwärmung ausreichen würde, um den grönländischen Eisschild völlig abschmelzen zu lassen.<ref name="Robinson 2012">Robinson, A., Calov, R., Ganopolski, A. (2012): Multistability and critical thresholds of the Greenland ice sheet. Nature Climate Change, doi:10.1038/nclimate1449</ref> Schon bei einer längerfristigen Erwärmung von 0,8-3,2 °C, bei einer besten Schätzung von 1,6 °C, über dem vorindustriellen Mittelwert könnte es auf lange Sicht zum kompletten Abschmelzen des Eisschildes mit den Folgen eines [[Meeresspiegel der Zukunft|Meeresspiegelanstiegs]] um mehrere Meter kommen. Wann es dazu kommt, hängt vom Tempo der Erwärmung ab. Bei der gegenwärtigen Zunahme der [[Treibhausgase|Treibhausgaskonzentration]] steuern die Temperaturen über Grönland auf 8 °C zu. Ein vollständiger Eisverlust könnte dann bereits in 2000 Jahren eintreten. Würde die Erwärmung bei 4 °C liegen, würde es 8000 Jahre dauern und bei 2 °C Erwärmung über dem vorindustriellen Wert sogar 50 000 Jahre, bis Grönland eisfrei wäre. Die Gefahr, dass der Abschmelzprozess unumkehrbar wird und damit einen sogenannten [[Kipppunkte|Kipppunkt]] darstellt, besteht aber auch schon bei einer geringen Erwärmung von 1,6 °C.
[[Bild:GIS Eem 2models.jpg|thumb|420px|Abb. 6: Grönländischer Eisschild im Eem nach zwei Modellsimualtionen. Die Zahlen unten rechts beziehen sich auf die geologische Zeit in Tausend Jahren vh.]]


=== Grönland im frühen Eem und späten Pliozän ===
== Grönland in der geologischen Vergangenheit ==
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Studien über die Verhältnisse in früheren Warmzeiten, die ähnliche Klimaverhältnisse aufweisen, wie sie durch den anthropogenen Klimawandel für das 21. Jahrhundert und später erwartet werden. Der Gegenwart am nächsten liegt dabei das [[Eem]], die Warmzeit vor der letzten Eiszeit, die von 130 000 bis 115 000 Jahre vh. dauerte. Die globalen Temperaturen lagen ca. 2 °C über den vorindustriellen. Über große Teile der Arktischen Landgebiete war es in dieser Zeit 4-5 °C wärmer als heute, im Norden Grönlands sogar bis zu 8 °C. Die Eisdicke auf Grönland wurde im frühen Eem auf 130 m niedriger als heute geschätzt, der Meeresspiegel auf 2 bis 4 m höher, woran wahrscheinlich auch die Antarktis ihren Anteil hatte. Die Ergebnisse von Modellrechnungen zum Anteil Grönlands liegen jedoch mit 0,4-5,6 m weit auseinander. Ebenso zeigen die Modelle große Unterschiede bei der Ausdehnung des Grönländischen Eisschildes.<ref name="Plach 2019">Plach, A., Nisancioglu, K. H., Langebroek, P. M., Born, A., and Le clec'h, S. (2019): Eemian Greenland ice sheet simulated with a higher-order model shows strong sensitivity to surface mass balance forcing, The Cryosphere, 13, 2133–2148, https://doi.org/10.5194/tc-13-2133-2019</ref><ref name="Plach 2018">Plach, A., Nisancioglu, K. H., Le clec'h, S., Born, A., Langebroek, P. M., Guo, C., Imhof, M., and Stocker, T. F. (2018): Eemian Greenland SMB strongly sensitive to model choice, Clim. Past, 14, 1463–1485, https://doi.org/10.5194/cp-14-1463-2018</ref>
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Studien über die Verhältnisse in früheren Warmzeiten, die ähnliche Klimaverhältnisse aufweisen, wie sie durch den anthropogenen Klimawandel für das 21. Jahrhundert und später erwartet werden. Der Gegenwart am nächsten liegt dabei das [[Eem]], die Warmzeit vor der letzten Eiszeit, die von 129 000 bis 116 000 Jahre vh. dauerte. Die globalen Temperaturen waren ca. 0,5-1,0 °C höher als heute.<ref name="Oppenheimer">Oppenheimer, M., B.C. Glavovic , J. Hinkel et al. (2019): Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities. In: IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, 4.2.2.</ref> Über große Teile der Arktischen Landgebiete war es in dieser Zeit 4-5 °C wärmer, im Norden Grönlands sogar bis zu 8 °C. Die Eisdicke auf Grönland wurde im frühen Eem auf 130 m niedriger als heute geschätzt, der Meeresspiegel auf 6-9 m höher,<ref name="Oppenheimer" /> woran die Antarktis große Anteile hatte. Die Ergebnisse von Modellrechnungen zum Anteil Grönlands liegen mit 0,4-5,6 m weit auseinander. Ebenso zeigen die Modelle große Unterschiede bei der Ausdehnung des Grönländischen Eisschildes (ABB. 6).<ref name="Plach 2019">Plach, A., Nisancioglu, K. H., Langebroek, P. M., Born, A., and Le clec'h, S. (2019): Eemian Greenland ice sheet simulated with a higher-order model shows strong sensitivity to surface mass balance forcing, The Cryosphere, 13, 2133–2148, https://doi.org/10.5194/tc-13-2133-2019</ref><ref name="Plach 2018">Plach, A., Nisancioglu, K. H., Le clec'h, S., Born, A., Langebroek, P. M., Guo, C., Imhof, M., and Stocker, T. F. (2018): Eemian Greenland SMB strongly sensitive to model choice, Clim. Past, 14, 1463–1485, https://doi.org/10.5194/cp-14-1463-2018</ref>


Ähnlich wird auch die warme Periode des [[Warmes Klima im Pliozän|mittleren Pliozäns]] (3,3-3,0 Mio. Jahre vh.) als Vergleich herangezogen.<ref name="IPCC 2013">IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 5.6.1</ref> Die Temperaturen waren 2-3 °C höher als vor der Industrialisierung und die CO<sub>2</sub>-Konzentration lag bei 450 ppm.<ref name="Dolan 2015">Dolan, A. M., Hunter, S. J., Hill, D. J., et al. (2015): Using results from the PlioMIP ensemble to investigate the Greenland Ice Sheet during the mid-Pliocene Warm Period, Clim. Past, 11, 403–424, https://doi.org/10.5194/cp-11-403-2015</ref> Nach dem 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC lag der globale Meeresspiegel wahrscheinlich um ca. 14 m, jedoch nicht mehr als 20 m höher als gegenwärtig.<ref name="IPCC 2013" /> Modellsimulationen des Grönländischen Eischilds zeigen ein breites Spektrum von fast heutiger Ausdehnung bis zu einem eisfreien Grönland. Mittelwerte über alle Modelle ergeben einen stark reduzierten Eisschild, der sich über den Nordosten der Insel ausbreitet, verbunden mit einem Meeresspiegelanstieg nur durch den Beitrag des Grönländischen Eises von ca. 2,2-4,4 m.<ref name="Dolan 2015" />
Ähnlich wird auch die warme Periode des [[Warmes Klima im Pliozän|mittleren Pliozäns]] (3,3-3,0 Mio. Jahre vh.) als Vergleich herangezogen.<ref name="IPCC 2013">IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 5.6.1</ref> Die Temperaturen waren 2-4 °C höher als vor der Industrialisierung und die CO<sub>2</sub>-Konzentration lag bei 300-450 ppm.<ref name="Oppenheimer" /> Nach dem 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC lag der globale Meeresspiegel wahrscheinlich um ca. 14 m, jedoch nicht mehr als 20 m höher als gegenwärtig.<ref name="IPCC 2013" /> Modellsimulationen des Grönländischen Eischilds zeigen ein breites Spektrum von fast heutiger Ausdehnung bis zu einem eisfreien Grönland. Mittelwerte über alle Modelle ergeben einen stark reduzierten Eisschild, der sich über den Nordosten der Insel ausbreitet, verbunden mit einem Meeresspiegelanstieg nur durch den Beitrag des Grönländischen Eises von ca. 2,2-4,4 m.<ref name="Dolan 2015">Dolan, A. M., Hunter, S. J., Hill, D. J., et al. (2015): Using results from the PlioMIP ensemble to investigate the Greenland Ice Sheet during the mid-Pliocene Warm Period, Clim. Past, 11, 403–424, https://doi.org/10.5194/cp-11-403-2015</ref>


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
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== Literatur ==
== Literatur ==
* Wilhelms, F. (2015): [https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/buchreihe/das-eis-der-erde/kapitel-6-2-geschichtliche-und-aktuelle-veraenderungen-des-groenlaendischen-eisschildes/ Geschichtliche und aktuelle Veränderungen des Grönländischen Eisschildes]. In: Lozán, J. L., H. Grassl, D. Kasang, D. Notz & H. Escher-Vetter (Hrsg.). Warnsignal Klima: Das Eis der Erde. pp.224-230
* Mayer, C. & H.Oerter (2006): Die Massenbilanzen des grönländischen und antarktischen Inlandeises und der Charakter ihrer Veränderungen, in: José L. Lozán / Hartmut Graßl / Hans-W. Hubberten / Peter Hupfer / Ludwig Karbe / Dieter Piepenburg (Hrsg.): Warnsignale aus den Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg, 92-96); [http://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/polarregionen/polarregionen_kap2_7/ Online-Version]
* Mayer, C. & H.Oerter (2006): Die Massenbilanzen des grönländischen und antarktischen Inlandeises und der Charakter ihrer Veränderungen, in: José L. Lozán / Hartmut Graßl / Hans-W. Hubberten / Peter Hupfer / Ludwig Karbe / Dieter Piepenburg (Hrsg.): Warnsignale aus den Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg, 92-96); [http://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/polarregionen/polarregionen_kap2_7/ Online-Version]



Aktuelle Version vom 20. Mai 2026, 15:22 Uhr

Abb. 1: Gletscherzunge der Auslassgletscher Karal und Knut Rasmussen an der Ostküste Grönlands
Abb. 2: Änderung der Massenbilanz des Grönländischen Eisschildes 2002-2025

Historische und aktuelle Änderungen

Im gegenwärtigen Klima gibt es auf der Erde nur die beiden Eisschilde auf Grönland und der Antarktis. Während der letzten Kaltzeit lagen auch über große Teile Nordamerikas und Eurasiens mächtige Inlandeismassen, und das Eisvolumen während des letzten glazialen Maximums um 21000 Jahre vh. war mehr als doppelt so groß wie heute. Während dieser Zeit war das Eisvolumen Grönlands so groß, dass es bei seinem Abschmelzen einen Meeresspiegelanstieg von 12 m bewirkt hätte. Die heutige Eismasse Grönlands würde nur zu einem Anstieg von 7,4 m führen.[1] Auf einer Fläche von 1,7 km2 speichert der Grönländische Eisschild eine Eismasse von 3 Mio. km3.[2]

In den letzten Jahrzehnten hat der Eisschild auf Grönland deutlich an Masse verloren. Höhen- und Schwerefeldmessungen durch Satelliten zwischen 2003 bis 2023 haben einen Massenverlust von 4362 Mrd. Tonnen Eis festgestellt. Das entspricht einem Meeresspiegelanstieg von 1,2 cm, über alle Ozeane verteilt. Die Ränder des Eisschilds verloren einige Meter an Höhe, die in den Ozean mündenden Auslassgletscher wurden sogar um 20-40 m dünner. Der Jakobshavn Isbrae an der Westküste Grönlands verlor eine Höhe von fast 70 m.[1][3]

Anders als bei der Antarktis ist das aufgrund der geographischen Lage um 10-15°C wärmere Klima Grönlands eher fremdbestimmt und wird stark durch die nordamerikanische und eurasische Landmasse und vor allem den Nordatlantik beeinflusst. Einerseits sind daher die Niederschläge deutlich höher als über der Antarktis, andererseits gibt es im Sommer umfangreiche Schmelzvorgänge an der Oberfläche, die sich über nahezu die Hälfte des Eisschildes erstrecken können und deren Wasser größtenteils ins Meer abfließt. Ein anderer Teil des Eises geht auch durch Kalben und Gletscherabflüsse ins Meer verloren. Während der antarktische Eisschild mit Ausnahme einiger Randgebiete der Westantarktis nur sehr verzögert auf Klimaänderungen reagiert, zeigt der Eisschild auf Grönland deutlich stärker die Folgen des aktuellen Klimawandels.

Abb. 3: Oberflächen-Massenbilanz (SMB=Surface Mass Balance) in Gt/Jahr (blau), Eisabfluss (D=Discharge) in Gt/Jahr (rot) und gesamte Massenbilanz (SMB-D) in Gt/Jahr (lila).

Überblick über die Ursachen

Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland geschieht durch zwei grundlegend verschiedene Prozesse:

1. Das Eis schmilzt an der Oberfläche des Eisschilds ab. Daran sind verschiedene Prozesse beteiligt.

  • Atmosphärische Prozesse: Die Lufttemperatur nimmt zu, und es fällt mehr Regen als Schnee.
  • Durch schneefreie Eisoberflächen, Ruß- und Staubablagerungen und Algenblüte verringert sich die Albedo. Es werden mehr Sonnenstrahlen absorbiert, die das Schmelzen verstärken.
  • Geologische Prozesse: Durch das Abschmelzen des Eises sinkt die Eisoberfläche auf geringere Höhen ab. Dort ist es wärmer, wodurch mehr Eis abschmilzt. Diesem Vorgang wirkt in geringerem Maße entgegen, dass durch das Abschmelzen von Eis der Untergrund entlastet wird und sich etwas anhebt.

2. Der Grönländische Eisschild ist über 3000 m hoch. Dadurch fließt das Eis langsam Richtung Meer ab.

  • Schmelzwasser kann durch Gletscherspalten bis auf den Boden gelangen und das Abfließen beschleunigen.
  • Durch die Randgebirge ins Meer mündende Gletscher nennt man Auslassgletscher. Sie werden durch die wärmere Luft über dem Wasser und durch das warme Ozeanwasser weiter abgeschmolzen.
  • Schwimmende Gletscherzungen brechen durch Kalben ab und lösen sich im Meerwasser auf.

Abschmelzen an der Oberfläche

Der Massenverlust des Grönländischen Eisschilds wird zunehmend durch eine verstärkte Oberflächenschmelze dominiert. Während der letzten 40 Jahre wurden rund 35 % des beobachteten Massenverlusts auf Veränderungen der Oberflächenmassenbilanz zurückgeführt, und 65 % auf eine Zunahme der Abflussströme des Eisschilds.[4] Im Zeitraum 2009–2012 hat der Anteil des Abschmelzens an der Oberfläche auf 68% zugenommen.[1] Das Abschmelzen an der Eisoberfläche hat nach 1990 um ca. 8 Gt pro Jahr zugenommen. Besonders stark war die Zunahme durch extreme Schmelzereignisse wie 2012, 2019 und 2023 mit über 100 Gt/Jahr.[5]

Wetterlagen

Das Abschmelzen ist stark durch den Zustand der Atmosphäre über dem Eisschild bedingt. Auf Grönland wirken sich dabei die Veränderungen in der Arktis aus. Keine Großregion der Erde hat sich so stark durch den Klimawandel erwärmt wie die Arktis. Im Vergleich zum globalen Durchschnitt war die Erwärmung in der Arktis fast viermal so stark.[6] Auch die Niederschläge und besonders extreme Niederschläge haben zugenommen. Durch die höheren Temperaturen fallen die Niederschläge zunehmend als Regen. Durch höhere Temperaturen und Regen geht die Schneebedeckung zurück. So hat die Dauer der Schneebedeckung seit den 1960er Jahren um 50% abgenommen.[7]

Abb. 4: Höhenänderung der Oberfläche Grönlands durch das Abschmelzen von Eis in m/Jahr. 2012 und 2019 waren die Jahre mit dem stärksten Abschmelzen an der Oberfläche des Eisschildes.

Eine wichtige Rolle für das lokale Klima über Grönland spielen kurzfristige Wetterlagen, deren Trend auf ein verändertes Klima weist. Ein besonderes Ereignis war der erste Regen am 14. August 2021 über dem höchsten Punkt des grönländischen Eisschildes. In einer Höhe von 3.216 m erreichte die Temperatur an diesem Tag +0,5°C über dem Gefrierpunkt und lag damit rund 15°C über dem langfristigen Mittel für den Monat August.[8] In jüngster Zeit kam es in den Jahren 2012, 2019 und 2023 zu extremen Schmelzereignissen. 2012 wurden mehr als 20 Gt Schmelzwasser erzeugt und 98,6% der Fläche Grönlands waren vom oberflächlichen Abschmelzen betroffen.[9]

Als Ursache für die extremen Schmelzereignisse werden Änderungen der atmosphärischen Zirkulation diskutiert. Durch sie entstünden Atmosphärische Flüsse, die feucht-warme Luftmassen vom Nordatlantik nach Grönland lenken. Beim Anheben über dem Eisschild kühlen diese sich ab und bilden Wolken.[9] Die Wolkendecke führt zu einer erhöhten abwärts gerichteten langwelligen Strahlung, was Erwärmung in Bodennähe und Schmelzprozesse bewirkt oder das Wiedergefrieren verhindert.[1]

Aber auch ein wolkenloser Himmel kann eine Erwärmung und das Abschmelzen von Eis verstärken, da dadurch die direkte Sonneneinstrahlung erhöht wird. Solche Situationen sind oft mit blockierenden Hochdruckgebieten verbunden, in denen Luftmassen absinken und sich dadurch erwärmen. Bei allen drei extremen Schmelzereignissen der Jahre 2012, 2019 und 2013 spielten Hochdruckverhältnisse eine Rolle. Durch den Klimawandel wird es zu häufigeren Hochdruckverhältnissen kommen.[9] Die Hochdruckgebiete verharren zunehmend durch sich abschwächende großräumige Luftströmungen am selben Ort und sorgen für stabiles Strahlungswetter. U.a. sind blockierende Hochdruckwetterlagen mit einer sich abschwächenden Nordatlantischen Oszillation (NAO) in Verbindung gebracht worden.[10]

Änderungen der Oberflächenalbedo

Das Abschmelzen des Grönlandeises wird auch dadurch verstärkt, dass die Eisoberfläche dunkler wird und damit weniger Sonnenstrahlung reflektiert und mehr absorbiert. Dadurch erwärmt sich die Luft über dem Eis. Der wichtigste Grund ist das Abschmelzen selbst. Eine mit Neuschnee bedeckte Eisoberfläche besitzt eine Albedo von bis zu 95%, d.h. sie reflektiert 95% der Sonneneinstrahlung. Sauberes blankes Eis weist nur noch eine Albedo von 45-55% auf, absorbiert also die Hälfte der Solarstrahlung. Wenn dieses Eis noch durch Ruß, Staub und Algenwachstum verschmutzt wird, kann die Albedo noch weiter auf 27% sinken.[4] Zusätzlich können sich dunklere Flächen auch dadurch bilden, dass sich das Schmelzwasser in Seen auf der Oberfläche des Eisschildes sammelt.[8]

Rußablagerungen entstehen vor allem durch Waldbrände. Diese treten in jüngster Zeit als Busch- und Moorbrände auch auf Grönland auf wie z.B. im August 2017.[11] Hauptsächlich sind jedoch die großen Waldbrände in den letzten Jahren in Kanada und anderen arktischen Regionen für Rußablagerungen auf dem grönländischen Eis verantwortlich. Rauchschwaden der Rekord-Brände in Kanada 2023 reichten bis nach Europa. Ein viel untersuchtes Phänomen auf dem grönländischen Eisschild ist das Algenwachstum, das zu einer dunkleren Oberfläche führt und mehr Sonnenlicht absorbiert. Das Wachstums purpurfarbenen Algen wurde seit 20 Jahren beobachtet. Es wird angetrieben durch zunehmende Phosphor- und Stickstoffnährstoffe, die vor allem aus dem abschmelzenden älteren Eis freigesetzt werden.[12]

Höhen-Rückkopplung

Aktuell liegt der Großteil der grönländischen Eisoberfläche aufgrund der Mächtigkeit des Eisschildes in einer Höhe, in der es wie im Gebirge ganzjährlich kalt ist. Je weiter das Eis jedoch abschmilzt, desto weiter sinkt auch die Oberfläche des Eisschilds ab, was an den Rändern schon passiert ist. Werden die Luftschichten an der Eisoberfläche mit geringerer Höhe wärmer, führt das zu einer Beschleunigung der Schmelze.[8] Diese Schmelz-Höhen-Rückkopplung stellt einen Zusammenhang zwischen Eisdicke und Schmelzraten dar. Je geringer die Oberflächenhöhe, desto höher sind die Schmelzraten. Das führt zu einer Ausdünnung des Eises, wodurch die Eisoberfläche auf eine noch geringere Höhe absinkt, die Temperatur ansteigt und die Schmelzraten weiter zunehmen.[13]

Dieser Schmelz-Höhen-Rückkopplung wirkt jedoch ein anderer Prozess entgegen. Durch das Abschmelzen von Eis ändert sich die Eislast auf den Felsuntergrund. Das löst eine sehr langsame Anhebung des Felsuntergrunds aus, die sich über lange Zeiträume von Hunderten bis Tausenden von Jahren erstreckt. Die aktuell beobachteten Hebungsraten in Grönland liegen zwischen 5,6 und 18 mm pro Jahr. Dabei spielen sich die Anhebungsraten auf zwei unterschiedlichen Zeitskalen ab. Einerseits wirkt sich heute noch immer die Entlastung durch die abgeschmolzenen Eismassen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 11.000 Jahren aus. Andererseits reagiert der Felsuntergrund auch auf aktuelle Entlastungen, wie z.B. bei dem extreme Schmelzereignis des Jahres 2012.[13]

Eisdynamik

Neben Abschmelzprozessen spielen dynamische Veränderungen des Eisabflusses eine wichtige Rolle. Von dem Eisverlust von 60 km3 (Kubikkilometer) pro Jahr Mitte der 1990er Jahre waren etwa 24 km3 dynamisch bedingt; um das Jahr 2000 gingen von den 80 km3 Eisverlust pro Jahr bereits 34 km3 auf das Konto des verstärkten Eisabflusses. Davon wurden allein 10 km3 pro Jahr durch die Abflussveränderungen eines einzigen Gletschers, des Jakobshavn Isbrae an der Westküste, verursacht, dessen Abflussgeschwindigkeit sich in wenigen Jahren (1997-2002) von 7 auf 12 Kubikkilometer pro Jahr erhöhte.[14] In den letzten Jahren sind zwei Gletscher an der Ostküste mit ähnlichem Verhalten hinzugekommen, der Kangerdlugssuaq und der Helheim-Gletscher.[15]

Abb. 4: Rückzug des Jakobshavn Isbrae 1851-2010 an der Westküste Grönlands

Die unmittelbaren Ursachen für die stärkere Dynamik der Eisströme sind vielfältig und noch keineswegs ganz verstanden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen ihnen aber die höheren Luft- und Wassertemperaturen seit Mitte der 1990er Jahre zugrunde. Entgegen dem globalen Trend erlebte Grönland eine Abkühlung von den 1930ern bis zur Mitte der 1990er Jahre, seitdem aber einen deutlichen Temperaturanstieg, der allerdings die außergewöhnliche Erwärmung der 1930er Jahre noch nicht erreicht hat. In jedem Fall zeigen die Beobachtungen der letzten 10 Jahre aber, dass ein relativ mäßiger Temperaturanstieg von ca. 1 °C erhebliche Folgen für die Massenbilanz des Eisschildes haben kann.[16]

Eine wichtige Folge der Erwärmung ist das Abschmelzen und Zerbrechen des vorgelagerten Eisschelfs, das zur Instabilität der an der Küste mündenden Auslassgletscher führt. Eine ähnliche Folge ist die Destabilisierung von Gletscherzungen, die direkt ins Meer münden. Wahrscheinlich sind diese Prozesse hauptsächlich angetrieben durch wärmeres Ozeanwasser, das bis zur Aufsetzlinie unterhalb der schwimmenden Gletscherzunge vordringt und dort zu Abschmelzprozessen führt und die Aufsetzlinie, wie in Abb.4 gezeigt, immer weiter zurückverlegt.[17] Berechnungen an einzelnen Gletschern haben gezeigt, dass die submarinen Abschmelzprozesse wesentlich größer sind als die Eisschmelze an der Oberfläche. Bei einer Erwärmung des Ozeanwassers von 3 °C ist damit zu rechnen, dass einige hundert Meter der ins Meer mündenden Eiszungen pro Jahr abgeschmolzen werden. Auch das Kalben von Eis wird durch submarines Abschmelzen höchstwahrscheinlich stark beschleunigt.[18]

Ein weiterer Antrieb liegt in dem zunehmenden Eindringen von Schmelzwasser in Eisspalten bis auf den Grund, wo es unter dem Eis eine Art Schmierfilm bilden und damit die Abflussgeschwindigkeit der Gletscher beschleunigen kann. Die beobachtete Beschleunigung der Gletscherströme sind allerdings noch zu jung und die Datenreihen zu kurz, um mit Sicherheit zu entscheiden, ob es sich um eine kurzfristige Schwankung oder einen längeren Trend handelt.[19] Untersuchungen zum jahreszeitlichen Verhalten der Schmelzprozesse lassen allerdings vermuten, dass in einem wärmeren Klima das Wasser noch weiter im Inland unter den Eisschild gelangt und die Bewegung der Eismassen beschleuinigen könnte.[20]

Abb. 5: Eisbedeckung auf Grönland, gegenwärtig (2008) und im Jahr 3000 nach den Szenarien RCP2.6, RCP4.5 und RCP8.5. Blau-Weißfärbung: Wahrscheinlichkeiten der Abschätzung für die Eisbedeckung unter 16, um 50 und über 84 %. Z.B. nach dem Szenario RCP8.5 gibt es nur noch eine weniger als 16%-Wahrscheinlichkeit für eine Eisbedeckung im nordöstlichen Grönland.

Projektionen

Das Abschmelzen von Eis und die globalen Folgen gehören zu den ‚großen wissenschaftlichen Herausforderungen‘ des Weltklimaforschungsprogramms.[21] In den neuen Erdsystemmodellen für den 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC, der ab 2021 erschienen ist, werden daher auch dynamische Eisschildmodelle einbezogen. Im Mittelpunkt stehen dabei die komplexen Feedbackprozesse zwischen Eisschild und Atmosphäre und Eisschild und Ozean. Heutige Eisschildmodelle erfassen einigermaßen gut die Oberflächenmassenbilanz, also den Prozess von Schneefall und Abschmelzen an der Oberfläche des Eisschilds in Wechselwirkung mit atmosphärischen Prozessen. Ein schwieriges Problem bleibt jedoch weiterhin die Simulation der komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Ozean und den im Meer mündenden Auslassgletschern. Hier sind zum einen die physikalischen Prozesse beim Kalben nicht vollständig verstanden und zum anderen müssten die Modelle noch höher aufgelöst gerechnet werden, um diese Prozesse adäquat abzubilden. Ein verbessertes Verständnis bedarf es auch bei den ozeanischen Prozessen, die den Transport von warmem Wasser vom offenen Ozean bis in die Fjorde und an die Gletscherfronten bestimmen und damit entscheidend zum Abtauen der Auslassgletscher beitragen.[22]

Die seit dem 5. Sachstandsbericht des IPCC gerechneten Modelle stimmen darin überein, dass der Eisverlust Grönlands im 21. Jahrhundert unabhängig von den Szenarien stärker durch das oberflächliche Abschmelzen als durch die Eisdynamik bestimmt sein wird. Auf der Grundlage dieser Modellstudien wird nicht erwartet, dass der Grönländische Eisschild in einem RCP8.5-Szenario mehr als 20 cm zum globalen Meeresspielanstieg im 21. Jahrhundert beitragen wird.[23] Nach jüngsten Projektionen mit einem Ensemble von Modellen für den 6. IPCC-Bericht wird der Grönländische Eisschild bis 2100 bei dem hohen Szenario RCP8.5 etwa 10 cm und bei dem niedrigen Szenario RCP2.6 ca. 3 cm zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Dabei zeigen sich nach Simulationen mit dem Szenario RCP8.5 über den Zeitraum 2015-2100 am Rande des Eisschildes starke Dickenabnahmen durch zunehmenden Schmelzwasserabfluss und den Rückzug der ins Meer mündenden Gletscher. An den äußeren, direkt ans Meer grenzenden Rändern ist die Höhenabnahme am größten und beträgt mehrere hundert Meter, während der Eisschild im Innern durch Schneeakkumulation um bis zu 10 m an Mächtigkeit gewinnt.[22]

Eine Untersuchung über den Eisverlust Grönlands über die nächsten 1000 Jahre kommt schon für das 21. Jahrhundert zu etwas abweichenden Ergebnissen.[24] Bis 2100 könnte Grönland hiernach je nach Szenario 5-33 cm zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen und wird nach dem hohen RCP8.5-Szenario in Tausend Jahren sehr wahrscheinlich eisfrei sein (Abb. 5). Grönlands Beitrag zum Meeresspiegelanstieg über die nächsten 1000 Jahre würde bei 5-7 m liegen. Im 21. Jahrhundert wird hiernach der Massenverlust des Eisschildes etwa zu gleichen Teilen durch Schmelzwasserabfluss und Eisdynamik (Kalben und frontales Abschmelzen) bedingt sein. Bei dem Szenario RCP8.5 wird die Eisdynamik dann immer wichtiger und die Schlüsselkomponente über die nächsten Jahrhunderte darstellen.

Abb. 6: Grönländischer Eisschild im Eem nach zwei Modellsimualtionen. Die Zahlen unten rechts beziehen sich auf die geologische Zeit in Tausend Jahren vh.

Grönland in der geologischen Vergangenheit

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Studien über die Verhältnisse in früheren Warmzeiten, die ähnliche Klimaverhältnisse aufweisen, wie sie durch den anthropogenen Klimawandel für das 21. Jahrhundert und später erwartet werden. Der Gegenwart am nächsten liegt dabei das Eem, die Warmzeit vor der letzten Eiszeit, die von 129 000 bis 116 000 Jahre vh. dauerte. Die globalen Temperaturen waren ca. 0,5-1,0 °C höher als heute.[25] Über große Teile der Arktischen Landgebiete war es in dieser Zeit 4-5 °C wärmer, im Norden Grönlands sogar bis zu 8 °C. Die Eisdicke auf Grönland wurde im frühen Eem auf 130 m niedriger als heute geschätzt, der Meeresspiegel auf 6-9 m höher,[25] woran die Antarktis große Anteile hatte. Die Ergebnisse von Modellrechnungen zum Anteil Grönlands liegen mit 0,4-5,6 m weit auseinander. Ebenso zeigen die Modelle große Unterschiede bei der Ausdehnung des Grönländischen Eisschildes (ABB. 6).[26][27]

Ähnlich wird auch die warme Periode des mittleren Pliozäns (3,3-3,0 Mio. Jahre vh.) als Vergleich herangezogen.[28] Die Temperaturen waren 2-4 °C höher als vor der Industrialisierung und die CO2-Konzentration lag bei 300-450 ppm.[25] Nach dem 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC lag der globale Meeresspiegel wahrscheinlich um ca. 14 m, jedoch nicht mehr als 20 m höher als gegenwärtig.[28] Modellsimulationen des Grönländischen Eischilds zeigen ein breites Spektrum von fast heutiger Ausdehnung bis zu einem eisfreien Grönland. Mittelwerte über alle Modelle ergeben einen stark reduzierten Eisschild, der sich über den Nordosten der Insel ausbreitet, verbunden mit einem Meeresspiegelanstieg nur durch den Beitrag des Grönländischen Eises von ca. 2,2-4,4 m.[29]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 IPCC AR6 WGI (2021): Ocean, Cryosphere and Sea Level Change, 9.4.1
  2. Otosaka, I.N., M. Horwath, R. Mottram et al. (2023): Mass Balances of the Antarctic and Greenland Ice Sheets Monitored from Space. Surv Geophys 44, 1615–1652
  3. Khan, S. A., H. Seroussi, M. Morlighem et al. (2025): Smoothed monthly Greenland ice sheet elevation changes during 2003–2023
  4. 4,0 4,1 Zeitz, M., R. Reese, J. Beckmann et al. (2021): Impact of the melt–albedo feedback on the future evolution of the Greenland Ice Sheet with PISM-dEBM-simple, The Cryosphere, 15, 5739–5764
  5. Zhang, Q.-L., M.-H. Ding, M.R. van den Broeke et al. (2025): Variations in Greenland surface melt and extreme events from 1958 to 2023, Advances in Climate Change Research, 16, 5
  6. Rantanen, M., Karpechko, A.Y., Lipponen, A. et al. (2022): The Arctic has warmed nearly four times faster than the globe since 1979. Commun Earth Environ 3, 168
  7. Druckenmiller, M.L., R.L. Thoman and T.A. Moon (2025): NOAA Arctic Report Card 2025: Executive Summary
  8. 8,0 8,1 8,2 AWI (2021): Das Grönländische Eis
  9. 9,0 9,1 9,2 Mchedlishvili, A., Vountas, M., and Bösch, H. (2025): The Anomalously Warm Summer of 2023 Over Greenland as Compared to Previous Record Melt Summers of 2012 and 2019, EGUsphere [preprint]
  10. Beckmann, J. and R. Winkelmann (2023): Effects of extreme melt events on ice flow and sea level rise of the Greenland Ice Sheet, The Cryosphere, 17, 3083–3099
  11. NASA Earth Observatory (2017): Fire and Ice in Greenland
  12. Gill-Olivas, B., P. Forjanes, T.C. Turpin-Jelfs et al. (2026): Ablation provides key macronutrients (nitrogen and phosphorous) to glacier ice algae in NW Greenland. Nat Commun 17, 2129
  13. 13,0 13,1 Zeitz, M., J.M. Haacker, J.F. Donges et al. (2022): Dynamic regimes of the Greenland Ice Sheet emerging from interacting melt–elevation and glacial isostatic adjustment feedbacks, Earth Syst. Dynam., 13, 1077–1096
  14. Krabill, W., Hanna, E.; Huybrechts, P., Abdalati, W., Cappelen, J., Csatho, B., Frederick, E., Manizade, S., Martin, C., Sonntag, J., Swift, R., Thomas, R., Yungel, J. (2004): Greenland Ice Sheet: Increased coastal thinning, Geophys. Res. Lett., Vol. 31, No. 24, L24402 10.1029/2004GL021533
  15. Luckman, A., T. Murray, R. de Lange, E. Hanna (2006): Rapid and synchronous ice-dynamic changes in East Greenland, Geophys. Res. Lett., Vol. 33, No. 3, L03503, doi:10.1029/2005GL025428
  16. Joughin, I. (2006): Greenland Rumbles Louder as Glaciers Accelerate, Science 311, 1719-1720
  17. Bindschadler, R. (2006): Hitting the Ice Sheets Where It Hurts, Science 311, 1720-1721
  18. Rignot, E., et al. (2010): Rapid submarine melting of the calving faces of West Greenlands glaciers, Nature geoscience 3, 187-191
  19. Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460
  20. Bartholomew, I., et al.(2010): Seasonal evolution of subglacial drainage and acceleration in a Greenland outlet glacier, Nature Geoscience 3, 408–411
  21. WCRP Grand Challenges
  22. 22,0 22,1 Goelzer, H., Nowicki, S., Payne, A., et al. (2020): The future sea-level contribution of the Greenland ice sheet: a multi-model ensemble study of ISMIP6, The Cryosphere Discuss., https://doi.org/10.5194/tc-2019-319
  23. Oppenheimer, M., B.C. Glavovic , J. Hinkel et al. (2019): Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities. In: IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, 4.2.3.1
  24. Aschwanden, A., M.A. Fahnestock, M. Truffer, D.J. Brinkerhoff, R. Hock, C. Khroulev, R. Mottram, S.A. Khan (2019): Contribution of the Greenland Ice Sheet to sea level over the next millennium, Science Advances 5 (6), DOI: 10.1126/sciadv.aav9396
  25. 25,0 25,1 25,2 Oppenheimer, M., B.C. Glavovic , J. Hinkel et al. (2019): Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities. In: IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, 4.2.2.
  26. Plach, A., Nisancioglu, K. H., Langebroek, P. M., Born, A., and Le clec'h, S. (2019): Eemian Greenland ice sheet simulated with a higher-order model shows strong sensitivity to surface mass balance forcing, The Cryosphere, 13, 2133–2148, https://doi.org/10.5194/tc-13-2133-2019
  27. Plach, A., Nisancioglu, K. H., Le clec'h, S., Born, A., Langebroek, P. M., Guo, C., Imhof, M., and Stocker, T. F. (2018): Eemian Greenland SMB strongly sensitive to model choice, Clim. Past, 14, 1463–1485, https://doi.org/10.5194/cp-14-1463-2018
  28. 28,0 28,1 IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 5.6.1
  29. Dolan, A. M., Hunter, S. J., Hill, D. J., et al. (2015): Using results from the PlioMIP ensemble to investigate the Greenland Ice Sheet during the mid-Pliocene Warm Period, Clim. Past, 11, 403–424, https://doi.org/10.5194/cp-11-403-2015

Literatur

  • Wilhelms, F. (2015): Geschichtliche und aktuelle Veränderungen des Grönländischen Eisschildes. In: Lozán, J. L., H. Grassl, D. Kasang, D. Notz & H. Escher-Vetter (Hrsg.). Warnsignal Klima: Das Eis der Erde. pp.224-230
  • Mayer, C. & H.Oerter (2006): Die Massenbilanzen des grönländischen und antarktischen Inlandeises und der Charakter ihrer Veränderungen, in: José L. Lozán / Hartmut Graßl / Hans-W. Hubberten / Peter Hupfer / Ludwig Karbe / Dieter Piepenburg (Hrsg.): Warnsignale aus den Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg, 92-96); Online-Version


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