Heiße Tage in der Arktis: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Klimawandel
Wechseln zu: Navigation, Suche
K (Temperaturen)
K
Zeile 2: Zeile 2:
 
== Temperaturen ==
 
== Temperaturen ==
 
[[Bild:Sibiria temp June2020.jpg|thumb|520px|Abb. 2: Mittlere bodennahe Temperatur für das arktische Sibirien im Monat Juni zwischen 1900 und 2020 relativ zum Mittel 1981-2010.]]
 
[[Bild:Sibiria temp June2020.jpg|thumb|520px|Abb. 2: Mittlere bodennahe Temperatur für das arktische Sibirien im Monat Juni zwischen 1900 und 2020 relativ zum Mittel 1981-2010.]]
[[Kenntage|Heiße Tage]] in der Arktis<ref>Traditionell wird die Arktis nach Süden durch den Polarkreis abgegrenzt. In jüngerer Zeit hat sich die 10°-Isotherme im Juli eingebürgert. Die World Meteorological Organization (WMO) grenzt die Arktis nach Süden auch schon mal bei 60°N ab (WMO (2020): [https://public.wmo.int/en/media/news/reported-new-record-temperature-of-38%C2%B0c-north-of-arctic-circle Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle]).</ref>  sind eine ungewöhnliche Vorstellung. Wenn man sich an Definitionen aus den mittleren Breiten orientiert und als heißen Tag einen Tag versteht, an dem die Höchsttemperatur in zwei Meter Höhe 30°C erreicht oder übersteigt, sind solche Tage auch in der Arktis vorgekommen. So wurden in Norilsk in Zentral-Sibirien, das bei 69 °N liegt und als nördlichste Großstadt der Welt gilt, am 25. Juli 2013 32 °C gemessen.<ref>NASA Earth Observatory (2013): [https://earthobservatory.nasa.gov/images/81736/heat-intensifies-siberian-wildfires Heat Intensifies Siberian Wildfires]</ref>; auch von anderen Orten sind Temperaturen von über 30 °C gemeldet worden.<ref>WeatherWunderground (2013): [https://www.wunderground.com/blog/weatherhistorian/update-724-heat-wave-continues-in-siberia.html Heat Wave Continues in Siberia]</ref>  Übertroffen wurden alle bisherigen Temperaturrekorde jedoch am 25. Juni 2020 in der ostsibirischen Stadt Werchojansk, bei 67 °N gelegen, mit 38 °C.<ref name="Ciavarella 2020">Ciavarella, A., D. Cotterill, P. Stott et al. (2020): [https://www.worldweatherattribution.org/siberian-heatwave-of-2020-almost-impossible-without-climate-change Prolonged Siberian heat of 2020]</ref>  Von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO, engl. World Meteorological Organization) wurde das als neuer Temperaturrekord für das Gebiet nördlich des Polarkreises eingestuft.<ref>WMO (2020): [https://public.wmo.int/en/media/news/reported-new-record-temperature-of-38%C2%B0c-north-of-arctic-circle Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle]</ref>  
+
[[Kenntage|Heiße Tage]] in der Arktis<ref>Traditionell wird die Arktis nach Süden durch den Polarkreis abgegrenzt. In jüngerer Zeit hat sich die 10°-Isotherme im Juli eingebürgert. Die World Meteorological Organization (WMO) grenzt die Arktis nach Süden auch schon mal bei 60°N ab (WMO (2020): [https://public.wmo.int/en/media/news/reported-new-record-temperature-of-38%C2%B0c-north-of-arctic-circle Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle]).</ref>  sind eine ungewöhnliche Vorstellung. Wenn man sich an Definitionen aus den mittleren Breiten orientiert und als heißen Tag einen Tag versteht, an dem die Höchsttemperatur in zwei Meter Höhe 30°C erreicht oder übersteigt, kommen solche Tage in letzter Zeit zunehmend auch in der Arktis vor. So wurden in Norilsk in Zentral-Sibirien, das bei 69 °N liegt und als nördlichste Großstadt der Welt gilt, am 25. Juli 2013 32 °C gemessen.<ref>NASA Earth Observatory (2013): [https://earthobservatory.nasa.gov/images/81736/heat-intensifies-siberian-wildfires Heat Intensifies Siberian Wildfires]</ref>; auch von anderen Orten sind Temperaturen von über 30 °C gemeldet worden.<ref>WeatherWunderground (2013): [https://www.wunderground.com/blog/weatherhistorian/update-724-heat-wave-continues-in-siberia.html Heat Wave Continues in Siberia]</ref>  Übertroffen wurden alle bisherigen Temperaturrekorde jedoch am 25. Juni 2020 in der ostsibirischen Stadt Werchojansk, bei 67 °N gelegen, mit 38 °C.<ref name="Ciavarella 2020">Ciavarella, A., D. Cotterill, P. Stott et al. (2020): [https://www.worldweatherattribution.org/siberian-heatwave-of-2020-almost-impossible-without-climate-change Prolonged Siberian heat of 2020]</ref>  Von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO, engl. World Meteorological Organization) wurde das als neuer Temperaturrekord für das Gebiet nördlich des Polarkreises eingestuft.<ref>WMO (2020): [https://public.wmo.int/en/media/news/reported-new-record-temperature-of-38%C2%B0c-north-of-arctic-circle Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle]</ref>  
  
 
Gerade Sibirien ist prädestiniert für extreme Temperaturen. Nirgendwo auf der Erde sind die Temperaturunterschiede im Jahresverlauf so extrem; sie liegen im Januar bei rund -40 °C, im Juli bei etwa +20 °C.<ref name="Copernicus 2020a">Copernicus Climate Change (2020): [https://climate.copernicus.eu/index.php/arctic-siberias-unusual-warm-spell-continues Arctic Siberia’s unusual warm spell continues]</ref>  So hält Werchojansk (zusammen  mit dem ebenfalls russischen Oimekon) mit -67,8 °C zugleich den Rekord für die tiefste je gemessene Temperatur auf der Nordhalbkugel.<ref>WMO: [https://wmo.asu.edu/content/world-meteorological-organization-global-weather-climate-extremes-archive World Meteorological Organization Global Weather & Climate Extremes Archive]</ref>  Hinzu kommt, dass die Arktis sich durch den anthropogenen Klimawandel [[Klimaänderungen in den Polargebieten|doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt]] (Abb. 2). Temperaturen über 30 °C sind jedoch äußerst selten. Das Jahr 2020 begann in Sibirien allerdings bereits im Winter mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Und schon im Mai 2020 lagen die Werte um bis zu 10 °C über dem Mittel und bescherten der Region den wärmsten Mai seit Beginn der Messungen. So waren der gesamte Frühling und der vorhergehende Winter ungewöhnlich warm. Die lange Periode von Dezember 2019 bis Mai 2020 fiel deutlich wärmer aus als ähnliche Perioden seit Beginn der Messungen 1979, stellenweise um 8 °C und mehr (Abb. 1).<ref name="Copernicus 2020b">Copernicus Climate Change (2020): [https://climate.copernicus.eu/investigating-unusually-mild-winter-and-spring-siberia Investigating an unusually mild winter and spring in Siberia]</ref>
 
Gerade Sibirien ist prädestiniert für extreme Temperaturen. Nirgendwo auf der Erde sind die Temperaturunterschiede im Jahresverlauf so extrem; sie liegen im Januar bei rund -40 °C, im Juli bei etwa +20 °C.<ref name="Copernicus 2020a">Copernicus Climate Change (2020): [https://climate.copernicus.eu/index.php/arctic-siberias-unusual-warm-spell-continues Arctic Siberia’s unusual warm spell continues]</ref>  So hält Werchojansk (zusammen  mit dem ebenfalls russischen Oimekon) mit -67,8 °C zugleich den Rekord für die tiefste je gemessene Temperatur auf der Nordhalbkugel.<ref>WMO: [https://wmo.asu.edu/content/world-meteorological-organization-global-weather-climate-extremes-archive World Meteorological Organization Global Weather & Climate Extremes Archive]</ref>  Hinzu kommt, dass die Arktis sich durch den anthropogenen Klimawandel [[Klimaänderungen in den Polargebieten|doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt]] (Abb. 2). Temperaturen über 30 °C sind jedoch äußerst selten. Das Jahr 2020 begann in Sibirien allerdings bereits im Winter mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Und schon im Mai 2020 lagen die Werte um bis zu 10 °C über dem Mittel und bescherten der Region den wärmsten Mai seit Beginn der Messungen. So waren der gesamte Frühling und der vorhergehende Winter ungewöhnlich warm. Die lange Periode von Dezember 2019 bis Mai 2020 fiel deutlich wärmer aus als ähnliche Perioden seit Beginn der Messungen 1979, stellenweise um 8 °C und mehr (Abb. 1).<ref name="Copernicus 2020b">Copernicus Climate Change (2020): [https://climate.copernicus.eu/investigating-unusually-mild-winter-and-spring-siberia Investigating an unusually mild winter and spring in Siberia]</ref>

Version vom 29. Juli 2020, 11:02 Uhr

Abb. 1: Tagesmaximum-Temperaturen von Januar bis Juni an der Station Werchojansk als Abweichung vom Mittel 1981-2010 (rot: Abweichung nach oben, blau: nach unten).

1 Temperaturen

Abb. 2: Mittlere bodennahe Temperatur für das arktische Sibirien im Monat Juni zwischen 1900 und 2020 relativ zum Mittel 1981-2010.

Heiße Tage in der Arktis[1] sind eine ungewöhnliche Vorstellung. Wenn man sich an Definitionen aus den mittleren Breiten orientiert und als heißen Tag einen Tag versteht, an dem die Höchsttemperatur in zwei Meter Höhe 30°C erreicht oder übersteigt, kommen solche Tage in letzter Zeit zunehmend auch in der Arktis vor. So wurden in Norilsk in Zentral-Sibirien, das bei 69 °N liegt und als nördlichste Großstadt der Welt gilt, am 25. Juli 2013 32 °C gemessen.[2]; auch von anderen Orten sind Temperaturen von über 30 °C gemeldet worden.[3] Übertroffen wurden alle bisherigen Temperaturrekorde jedoch am 25. Juni 2020 in der ostsibirischen Stadt Werchojansk, bei 67 °N gelegen, mit 38 °C.[4] Von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO, engl. World Meteorological Organization) wurde das als neuer Temperaturrekord für das Gebiet nördlich des Polarkreises eingestuft.[5]

Gerade Sibirien ist prädestiniert für extreme Temperaturen. Nirgendwo auf der Erde sind die Temperaturunterschiede im Jahresverlauf so extrem; sie liegen im Januar bei rund -40 °C, im Juli bei etwa +20 °C.[6] So hält Werchojansk (zusammen mit dem ebenfalls russischen Oimekon) mit -67,8 °C zugleich den Rekord für die tiefste je gemessene Temperatur auf der Nordhalbkugel.[7] Hinzu kommt, dass die Arktis sich durch den anthropogenen Klimawandel doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt (Abb. 2). Temperaturen über 30 °C sind jedoch äußerst selten. Das Jahr 2020 begann in Sibirien allerdings bereits im Winter mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Und schon im Mai 2020 lagen die Werte um bis zu 10 °C über dem Mittel und bescherten der Region den wärmsten Mai seit Beginn der Messungen. So waren der gesamte Frühling und der vorhergehende Winter ungewöhnlich warm. Die lange Periode von Dezember 2019 bis Mai 2020 fiel deutlich wärmer aus als ähnliche Perioden seit Beginn der Messungen 1979, stellenweise um 8 °C und mehr (Abb. 1).[8]

2 Druckverhältnisse, Schnee und Bodenfeuchte

Abb. 3: Oberflächentemperatur (links) und Luftdruck bei 500 hPa (rechts) für Juni im Verhältnis zum Juni-Mittel 1981-2010. Der schwarze Pfeil im rechten Bild zeigt den Zustrom warmer Luft von Süden her.

Bereits der warme Winter und Frühling 2020 waren mit ungewöhnlichen Lufdtruckverhältnissen verbunden. Im Januar bis April herrschten über dem Arktischen Ozean ausgeprägte Tiefdruckverhältnisse, die sich bis nach Nordsibirien erstreckten - wobei normalerweise zu dieser Zeit hier ein Hochdruckgebiet liegt. Die Folge war eine starke Bewölkung, die einen sonst um diese Jahreszeit klaren Himmel verhinderte, so dass die winterliche Wärmeausstrahlung gering war. Außerdem wurde der Zustrom warmer und feuchter Luft aus niederen Breiten begünstigt. Ab Mai wiederum kehrten sich die Verhältnisse um. So war die Zeit zwischen dem 18. und 25 Juni durch ein Hochdruckgebiet mit 1014-1018 hPa und einen klaren Himmel, der zu einer starken Sonneneinstrahlung und einem Temperaturanstieg führte, gekennzeichnet.[4] Auch bei dieser Konstellation kam es zum Einstrom warmer Luft aus südlicheren Breiten (Abb. 3).

Hinzu kam, dass auch die Schneebedeckung und die Bodenfeuchte in der sibirischen Arktis in den vorangegangenen Monaten ungewöhnlich niedrig waren. Der Schnee schmolz früher als sonst. Der schneefreie Boden sorgte dafür, dass weniger Sonneneinstrahlung reflektiert und mehr absorbiert und als Wärmestrahlung emittiert wurde, was zu einer weiteren Erwärmung führt (Schnee-Albedo-Effekt).[9] Mitte Juni gab es so gut wie keinen Schnee mehr am Boden, zugleich stand die Sonne am höchsten. Durch den früh weggeschmolzenen Schnee und niedrige Niederschläge war der Boden im Juni außerdem weitgehend ausgetrocknet, so dass die geringe Verdunstung zusätzlich zu den hohen Temperaturen beitrug.[6]

3 Folgen

Als Folge des ungewöhnlich warmen Frühjahrs und Frühsommers 2020 brachen in der Region zahlreiche Waldbrände aus. Bis zum 25. Juni waren davon in ganz Sibirien 20461 km2 betroffen, etwa 2800 km2 mehr als im Jahr zuvor, wodurch allein im Juni 56 Megatonnen CO2 emittiert wurden, was mehr ist als die jährlichen Emissionen mancher Staaten wie z.B. der Schweiz. Weitere Folgen waren ein starkes Abschmelzen von Permafrost, wodurch z.B. bei Norilsk ein Öltank auseinanderbrach, nachdem er in den aufgetauten Permafrostboden eingesunken war, und sich 150 000 Barrel Diesel in ein Flusssystem ergossen.[4]

4 Die Bedeutung des Klimawandels

Simulationen mit Computermodellen, die in der neuen Disziplin der Zuordnungsforschung eingesetzt wurden, haben ergeben, dass ohne den anthropogenen Klimawandel die Temperaturen in Sibirien zwischen Januar und Juni 2020 mindestens um 2 °C kälter gewesen wären. Die in Werchojansk gemessene Rekordtemperatur ist nach diesen Berechnungen im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Klimawandel mehr als 600 Mal wahrscheinlicher geworden.[4]

5 Einzelnachweise

  1. Traditionell wird die Arktis nach Süden durch den Polarkreis abgegrenzt. In jüngerer Zeit hat sich die 10°-Isotherme im Juli eingebürgert. Die World Meteorological Organization (WMO) grenzt die Arktis nach Süden auch schon mal bei 60°N ab (WMO (2020): Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle).
  2. NASA Earth Observatory (2013): Heat Intensifies Siberian Wildfires
  3. WeatherWunderground (2013): Heat Wave Continues in Siberia
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Ciavarella, A., D. Cotterill, P. Stott et al. (2020): Prolonged Siberian heat of 2020
  5. WMO (2020): Reported new record temperature of 38°C north of Arctic Circle
  6. 6,0 6,1 Copernicus Climate Change (2020): Arctic Siberia’s unusual warm spell continues
  7. WMO: World Meteorological Organization Global Weather & Climate Extremes Archive
  8. Copernicus Climate Change (2020): Investigating an unusually mild winter and spring in Siberia
  9. Vgl. Eis-Albedo-Rückkopplung

6 Lizenzhinweis

Dieser Artikel ist ein Originalartikel des Klima-Wiki und steht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland. Informationen zum Lizenzstatus eingebundener Mediendateien (etwa Bilder oder Videos) können in einigen Fällen durch Anklicken dieser Mediendateien abgerufen werden und sind andernfalls über Dieter Kasang zu erfragen. CC-by-sa.png
Kontakt: Dieter Kasang
Meine Werkzeuge