Mittelalterliche Warmzeit: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Bild: Temp Rekonstr IPCC.png|thumb|300px|Abb.1: Rekonstruierter Temperaturanomalien der letzten 1300 Jahre]]
[[Bild:Lübeck im Spätmittelalter.jpg|centre|thumb|680px|Abb. 1: Lübeck im Spätmittelalter ]]
[[Bild: MittlereAnomalien NH 800-1900.png|thumb|300px|Abb.2: Hundertjährige mittlere Anomalien der Proxydaten]]
== Klimaverhältnisse ==
[[Bild: HeterogenesKlima_800-2000.png|thumb|300px|Abb.3: Regionale Unterschiede des Klimas]]
Die Mittelalterliche Warmzeit war (zusammen mit der Kleinen Eiszeit) lange Zeit ein viel diskutiertes Thema. Besonders wurde [[War das Mittelalter wärmer als heute?|von Klimaleugnern das "Argument" vorgebracht]], dass es im Mittelter wärmer als heute gewesen sei und deshalb die gegenwärtige Erwärmung eine ganz natürliche Ursache habe. Im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC<ref>IPCC AR6 WGI, 2.3.1.1</ref>  wird der Begriff bewusst nicht mehr verwendet und nur noch von den Klimaänderungen der letzten 1000 Jahre gesprochen, deren auffälligste Phase die aktuelle Erwärmung seit 1850 ist. Davor gab es nach Erkenntnissen der jüngsten Forschung einen ungefähr sechs Jahrtausende langen Abkühlungstrend von -0,18 °C pro 1000 Jahre. Die auch als Mittelalterlichen Klimaanomalie<ref>So im IPCC AR5 WGI, 5.3.5</ref>  bezeichnete mittelalterliche Warmzeit von 950 bis 1250 stellt sich global als eine Phase dieses Abkühlungstrends dar, der sich während der [[Kleine Eiszeit|Kleinen Eiszeit]] in den folgenden Jahrhunderten weiter verstärkte. Während die Temperaturentwicklung der Nordhalbkugel die Mittelalterliche Warmzeit schwach hervortreten lässt (Abb. 2), wird aus den globalen Daten deutlich, dass sie lediglich eine Phase eines langfristigen Trends hin zu kühleren Temperaturen der Kleinen Eiszeit ist (Abb. 3).
[[Bild: TempRekonstr_IPCC_Antriebe.png|thumb|300px|Abb.4: Simulierte Temperaturanomalien der Nordhemisphäre mit möglichen Antrieben]]
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| [[Bild:Temp-1200.jpg|centre|thumb|680px|Abb. 2: Temperaturveränderung der letzten 1200 Jahre auf der Nordhemisphäre im Vergleich zu 1850–1900]]||[[Bild:Global temp 2000years.png|thumb|480px|Abb. 3: Globale Temperatur der letzten ca. 2000 Jahre. Hervorgehoben sind einzelne Vulkanausbrüche, die Mittelalterliche Warmperiode und die Kleine Eiszeit. Die Mittelalterliche Warmperiode sticht nicht besonders hervor, weil sie kein globales Phänomen war.]]
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Insbesondere ist die Mittelalterliche Warmzeit kein globales Phänomen, sondern auf wenige Regionen beschränkt. Dazu gehören vor allem das südliche Grönland und der Nordatlantikraum sowie das nordöstliche Nordamerika (Abb. 4). Aber auch Teile Mittel- und Westeuropas waren im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Welt verhältnismäßig mild.
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| [[Bild:Temperature Pattern MWP.gif|centre|thumb|420px|Abb. 4: Geographische Temperaturmuster in der Mittelalterlichen Warmzeit (950-1250) im Vergleich zu 1961-1990. Grau: keine Daten.]]
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Zur Vorstellung einer mittelalterlichen warmen Phase trug nicht zuletzt eine europäische Geschichtsschreibung bei. So wurde die vorübergehende Besiedlung Grönlands durch Nordeuropäer mit dem milden Klima auf Grönland und Island in Verbindung gebracht.<ref>Moreno-Chamarro, E., D. Zanchettin, K. Lohmann & J.H. Jungclaus (2015): [https://doi.org/10.1002%2F2014GL062741 Internally generated decadal cold events in the northern North Atlantic and their possible implications for the demise of the Norse settlements in Greenland.] In: Geophysical Research Letters</ref><ref>Gerold, G. (2021): [https://doi.org/10.1007/978-3-662-63891-0%207 Untergang der Wikinger auf Grönland]. In: Klimawandel und der Untergang von Hochkulturen. Springer, Berlin, Heidelberg</ref>  Außerdem wurde während der Mittelalterlichen Warmzeit im Norden Schottlands und Skandinaviens der Getreideanbau möglich.<ref name="Wagner 2020">Wagner, S. (2020): Vulkanismus und Klima in der Vergangenheit: Was lässt sich für die Zukunft lernen? In: Jorzik, O., J. Kandarr, P. Klinghammer & D. Spreen (Hrsg.), ESKP-Themenspezial Vulkanismus und Gesellschaft. Zwischen Risiko, Vorsorge und Faszination</ref>  Vielfach wurde auch die landwirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum sowie die Entstehung bedeutender Städte (Abb. 1) mit den milden Temperaturen während des Mittelalters in Beziehung gebracht.


Als mittelalterliche Warmzeit wird in etwa der Zeitraum zwischen 950 und 1250 n. Chr. bezeichnet, in dem in einigen wenigen Regionen auf der Nordhemisphäre überdurchschnittlich hohe Temperaturen herrschten,<ref name="Goosse 2011">Goosse, H., Guiot, J., Mann, M. E., Dubinkina, S., Sallaz-Damaz, Y. (2011): The medieval climate anomaly in Europe: Comparison of the summer and annual mean signals in two reconstructions and in simulations with data assimilation. Global and Planetary Change 84-85, 35-47.</ref><ref name="IPCC 2007">Intergovernmental Panel on Climate Change Working Group I: The Physical Science Basis of Climate Change Chapter 6, Palaeoclimate (2007).</ref> besonders im Vergleich zur anschließenden [[Kleine Eiszeit|kleinen Eiszeit]]. Informationen über die Zeit der mittelalterlichen Warmzeit erhält man aus [[Proxydaten|Datenrekonstruktionen]], die anhand von [[Proxydaten]] meteorologische Daten vergangener Zeiten aufbereiten.
== Ursachen ==
Vor der Industrialisierung kamen als Ursache von globalen Änderungen vor allem Schwankungen der Sonneneinstrahlung sowie Vulkanausbrüche in Frage. Nur wenige Forscher schreiben auch den Treibhausgas-Emissionen durch die sich ausbreitende Landwirtschaft eine gewisse Bedeutung zu (vgl. [[Anthropozän]]). Die mittlere globale Sonneneinstrahlung hat sich während des gesamten Holozäns nach neueren Studien nur wenig geändert.<ref name="Kaufman 2023">Kaufman, D.S., & E. Broadman (2023): [https://doi.org/10.1038/s41586-022-05536-w Revisiting the Holocene global temperature conundrum.] Nature 614, 425–435</ref> Auch andere grundlegende Untersuchungen sehen in den solaren Schwankungen keine Erklärung für die Änderung der globalen Mitteltemperatur.<ref name="PAGES 2k 2019">PAGES 2k Consortium (2019): [https://doi.org/10.1038/s41561-019-0400-0 Consistent multidecadal variability in global temperature reconstructions and simulations over the Common Era]. Nat. Geosci. 12, 643–649</ref> Abb. 4 zeigt zwar starke Schwankungen der Sonnenfleckenzahl, die für die Intensität der Solarstrahlung stehen, aber insgesamt einen abnehmenden Trend während der Mittelalterlichen Warmzeit, der sich bis in die kleine Eiszeit fortsetzt.


==Verlauf==
Eine größere Rolle dürften nach jüngsten Forschungen Vulkanausbrüche gespielt haben bzw. das Fehlen solcher Ausbrüche während der sog. mittelalterlichen Warmzeit.<ref name="Wagner 2020"/><ref name="PAGES 2k 2019"/>  Nach Büntgen et al. (2020)<ref name="Büntgen 2020">Büntgen, U., D. Arseneault, É. Boucher et al. (2020): [https://doi.org/10.1016/j.dendro.2020.125757 Prominent role of volcanism in Common Era climate variability and human history], Dendrochronologia 64</ref> können Vulkanausbrüche sommerliche Temperaturschwankungen für mehrere Jahre oder Jahrzehnte über großen Teilen der außertropischen Gebiete der Nordhalbkugel beeinflussen. Eine vergleichsweise schwache Vulkanaktivität begünstigt wie während des Mittelalters warme Perioden, während zeitliche Häufungen größerer Vulkanausbrüche zu einer längerfristigen Abkühlung führen können.


Das mittelalterliche Klimaoptimum zeichnet sich durch besonders hohe durchschnittliche Temperaturen im Vergleich zu vorangegangenen und folgenden Jahrhunderten aus ([[Kleine Eiszeit]]). Dabei wird allerdings nur die Nordhemisphäre betrachtet, denn auf der Südhemisphäre herrschten zu dieser Zeit eher unterdurchschnittliche Temperaturen und die Eisbedeckung war besonders groß.<ref name="Swingedouw 2011">Swingedouw, D., Terray, L., Cassou, C., Voldoire, A., Salas-Mélia, D., Servonnat, J. (2011): Natural forcing of climate during the last millennium: fingerprint of solar variability. Clim Dyn 36: 1349-1364. DOI: 10.1007/s00382-010-0803-5.</ref>
Moffa-Sánchez et al. (2019)<ref name="Moffa‐Sánchez 2019">Moffa‐Sánchez, P., E. Moreno‐Chamarro, D.J. Reynolds et al. (2019): [https://doi.org/10.1029/2018PA003508 Variability in the northern North Atlantic and Arctic Oceans across the last two millennia: A review]. Paleoceanography and Paleoclimatology, 34, 1399–1436</ref>  machen darauf aufmerksam, dass sich die ausgeprägten Warm- und Kaltperioden wie die Mittelalterliche Warmzeit und die anschließende Kleine Eiszeit vor allem im Nordatlantikraum bemerkbar gemacht haben. Die eher global wirkenden Strahlungseffekte durch die verschiedene Aktivität der Sonne oder durch die vulkanischen Aerosole in der Stratosphäre könnten daher weniger entscheidend gewesen sein. Vielmehr ist anzunehmen, dass Änderungen der nordatlantischen Zirkulation einen größeren Einfluss auf die deutliche Erwärmung Grönlands oder Islands gehabt haben. Proxydaten und Modellberechnungen lassen darauf schließen, dass die warmen und anschließenden kühlen Perioden durch die Schwankungen der Nordatlantische Zirkulation zustande gekommen sind.
 
Die durchschnittliche Temperatur auf der Nordhemisphäre nahm ab 800 zunächst kontinuierlich zu und erreichte etwa von 900-1000 ein Maximum (siehe Abb. 1).<ref name="Goosse 2011" /> Im Vergleich zu der mittleren Temperatur von etwa 1000-1800 n. Chr. war es 1,5-2°C wärmer (siehe Abb. 1) und im Vergleich zu 1880-1960 0,6°C wärmer<ref name="Christiansen 2012">Christiansen, B., Ljungqvist, F. C. (2012): The extra-tropical Northern Hemisphere temperature in the last two millennia: reconstructions of low-frequency variability. Clim. Past, 8, 765-786. doi: 10.5194/cp-8-765-2012.</ref>, gleichzeitig allerdings deutlich kälter als die letzten 30 Jahre (siehe Abb. 1). Anschließend nahm die Temperatur ab. Gegen Ende der mittelalterlichen Warmzeit, von 1200-1350, traten in Zentraleuropa wieder heißere Sommer auf, jedoch gefolgt von strengen Wintern.<ref name="Glaser 2009">Glaser, R., Riemann, D. (2009): A thousand-year record of temperature variations for Germany and Central Europe based on documentary data. Journal of Quaternary Science, Vol. 24 pp. 437-449. ISSN 0267-8179.</ref> In den Zeitreihen der Jahresmitteltemperaturen geht ein solcher Trend im Mittel unter.
 
Die mittlere Temperatur gibt zwar Aufschluss über den allgemeinen Trend, da aber die räumliche Ausbreitung der Temperaturanomalie nicht gleichmäßig war, gibt es regional starke Unterschiede (siehe Abb. 2)<ref name="Christiansen 2012" />, und Modellen fällt es schwer, diese korrekt zu simulieren.<ref name="Shi 2013">Shi, F., Yang, B., Mairesse, A., von Gunten, L., Li, J., Bräuning, A., Yang, F., Xiao, X. (2013): Northern Hemisphere temperature reconstruction during the last millennium using multiple annual proxies. Climate Research, Vol. 56, pp. 231-244. doi: 10.3354/cr01156.</ref> Besonders von der Erwärmung betroffen waren Gebiete in den hohen Breiten (Nordatlantik, Südgrönland, eurasische Arktis, Teile Nordamerikas).<ref name="Mann 2009">Mann, M. E., Zhang, Z., Rutherford, S., Bradley, R. S., Hughes, M. K., Shindell, D., Ammann, C., Faluvegi, G., Ni, F. (2009): Global Signatures and Dynamical Origins of the Little Ice Age and Medieval Climate Anomaly. Science 326, 1256. DOI: 10.1126/science.1177303.</ref> Mildere Winter in Nordwesteuropa führten zu kontinuierlicher Gletscherschmelze auf Grönland und verringertem Gletscherwachstum auf Island.<ref name="Miller 2012">Miller, G. H., Geirsdóttir, Á., Zhong, Y., Larsen, D. J., Otto-Bliesner, B. L., Holland, M. M., Bailey, D. A., Refsnider, K. A., Lehman, S. J., Southon, J. R., Anderson, C., Björnsson, H., Thordarson, T. (2012): Abrupt onset of the Little Ice Age triggered by volcanism and sustained by sea-ice/ocean feedbacks.</ref> Die milden Winter und eine geringere Klimavariabilität im Vergleich zur Umgebung fallen mit einem Bevölkerungswachstum in dieser Region zusammen. Außerdem wurde so die Gründung von Kolonien auf Grönland und Island durch die Wikinger ermöglicht.<ref name="Büntgen 2011">Büntgen, U., Tegel, W., Nicolussi, K., McCormick, M., Frank, D., Trouet, V., Kaplan, J. O., Herzig, F., Heussner, K., Wanner, H., Luterbacher, J., Esper, J. (2011): 2500 Years of European Climate Variability and Human Susceptibility. Science 331, 578. DOI:10.1126/science.1197175.</ref>
   
Die größte sommerliche Erwärmung Europas fand in Südeuropa, besonders am Mittelmeer, statt.<ref name="Goosse 2011" /> Zusammen mit den erhöhten Temperaturen sind sowohl dort als auch im westlichen und kontinentalen Gebiet der jetzigen USA sowie in Nordmexiko und dem tropischen Afrika teilweise schwere Dürreperioden zu vermerken. In Nordwest- und Südosteuropa, dem mittleren Osten und Südostasien hingegen herrschten feuchtere Bedingungen.<ref name="Diaz 2011">Diaz, H. F., Trigo, R., Hughes, M. K., Mann, M. E., Xoplaki, E., Barriopedro, D. (2011): Spatial and temporal characteristics of climate in medieval times revisited. American Meteorological Society. DOI:10.1175/BAMS-D-10-05003.1.</ref> In Nordwesteuropa ermöglichten die feuchten, warmen Sommer Landwirtschaft in nördlicheren und höher gelegenen Regionen und führten zu guten Ernten.<ref name="Mann 2002">Mann, M. E. (2002): Medieval Climatic Optimum. The Earth system: physical and chemical dimensions of global environmental change, Volume 1, pp 514-516. John Wiley & Sons, Ltd, Chichester.</ref> Dies begünstigte das schnelle kulturelle, politische und wirtschaftliche Wachstum des mittelalterlichen Europas unter der Karolinger-Dynastie.<ref name="Büntgen 2011" /> Mit den höheren Temperaturen war beispielsweise auch Weinanbau in England möglich; Feigen- und Olivenbäume fanden in Teilen Deutschlands gute Wachstumsbedingungen.<ref name="Mann 2002" />
 
==Ursachen==
 
Die veränderten Klimaverhältnisse während der mittelalterlichen Warmzeit können auf mehrere Ursachen zurückgeführt werden.
 
Von 900-1000 sowie von 1050-1200 war die [[Sonnenenergie|solare Einstrahlung]] besonders hoch<ref name="Goosse 2011" />, während letzterer Zeitperiode etwa 0,4 W/m² (siehe Abb. 4). Dies führte sowohl zur Erwärmung der Land- und Wasseroberflächen als auch der [[Stratosphäre]], die zeitlich verzögert die Wärme wiederum an die [[Troposphäre]] und somit an die Erdoberfläche abgab.<ref name="Diaz 2011" /> Die direkte Erwärmung der Oberfläche war besonders im tropischen Pazifik und in Grönland sehr groß. Die Grönlandsee erwärmte sich sogar um 3,5°C pro W/m².<ref name="Swingedouw 2011" /> Hier kamen [[Eis-Albedo-Rückkopplung|Eis-Albedo-Rückkopplungsprozesse]] zum Tragen: Durch die stärkere Einstrahlung schmelzen Eis und Schnee und geben das darunter liegende Land bzw. Wasser frei, welches eine sehr viel geringere Reflektivität bzw. Albedo hat und somit mehr Energie reflektiert und weniger aufnimmt, sich also erwärmt.<ref name="Diaz 2011" /> Dadurch kommt es zu einer weiteren Erwärmung der darüber liegenden Atmosphäre, was wiederum eine Temperaturerhöhung und vermehrtes Eis- und Schneeschmelzen zur Folge hat. Dass die erhöhte solare Einstrahlung nicht auch auf der Südhemisphäre zu einer Erwärmung geführt hat, ist sowohl auf die langsame Anpassung der Wassermassen an veränderte Umgebungsbedingungen als auch auf die dort herrschenden sehr großen Windgeschwindigkeiten zurückzuführen: Dort ist und war weniger Landmasse vorhanden, die die Winde bremst. Dabei wird einerseits die Luft sehr schnell und sehr stark vermischt und eine Erwärmung verlangsamt, andererseits wird auch die Durchmischung im Ozean verstärkt, sodass kalte Wassermassen aus den unteren Schichten an die Oberfläche gelangen.<ref name="Swingedouw 2011" />
 
Die erhöhte solare Einstrahlung erklärt jedoch nicht die großen räumlichen Unterschiede in der Erwärmung auf der Nordhemisphäre. Ein weiterer wichtiger Faktor, besonders für den Nordatlantikraum, ist die positive Phase der [[Nordatlantische_Oszillation|Nordatlantischen Oszillation]] (NAO).<ref name="Trouet 2009">Trouet, V., Esper, J., Graham, N. E., Baker, A., Scourse, J. D., Frank, D. C. (2009): Persistent Positive North Atlantic Oscillation Mode Dominated the Medieval Climate Anomaly. Science 324, 78, DOI: 10.1126/science.1166349.</ref><ref name="Jungclaus 2009">Jungclaus, J. H. (2009): Lessons from the past millennium. Nature Geoscience 2, 315-316.</ref> Ein möglicher Auslöser dieser positiven Phase kann eine Kopplung mit den Verhältnissen im Pazifik sein. Dort entwickelte sich über Jahrzehnte nach einer erhöhten solaren Einstrahlung (etwa 20-40 Jahre) aufgrund von Zirkulationen ein meridionaler Gradient der Wasseroberflächentemperatur<ref name="Swingedouw 2011" />, ähnlich einer negativen Phase der [[ENSO|El-Niño-Southern-Oscillation]] (ENSO)<ref name="Trouet 2009" /><ref name="Mann 2007">Mann, M. E. (2007): Climate Over the Past Two Millennia. Annu. Rev. Earth Planet. Sci. 35:111-36. doi: 10.1146/annurev.earth.35.031306.140042.</ref>, und verschob die Lage der [[Innertropische_Konvergenzzone|Innertropischen Konvergenzzone]] nach Norden.<ref name="Swingedouw 2011" /> Diese Störung wird dann über atmosphärische Wellen Richtung Atlantik transportiert und löst dort eine positive NAO-Phase aus;<ref name="Swingedouw 2011" /> also die Ausbildung eines starken Tiefdruckgebietes über Island und eines starken Hochdruckgebietes über den Azoren. Dieser starke Druckgradient bringt starke Westwinde mit sich und sorgt für milde, niederschlagsreiche Winter von Europa bis Sibirien, über dem Mittelmeerraum und dem vorderen Orient jedoch für trockene, kalte Winter. Diese Tatsache erklärt die besonders starke Erwärmung in Europa im Vergleich zu der restlichen nördlichen Hemisphäre.
 
Zusätzlich zu diesen Hauptfaktoren sind auch noch die Abwesenheit von großen Vulkanausbrüchen (siehe Abb. 4), welche zu einer Abkühlung hätten führen können, und veränderte Landnutzung zu nennen.<ref name="Goosse 2011" /> Die großskalig durchgeführten Waldrodungen in Europa führten einerseits zu einer Abkühlung aufgrund einer höheren [[Albedo]].<ref name="Mann 2007" /> Denn dunkle Wälder mit geringer Reflektivität wurden durch hellere Felder oder Wiesen ersetzt, die mehr solare Strahlung reflektieren und somit weniger aufnehmen. Andererseits hatte die Verbrennung des Holzes eine höhere CO2-Konzentration in der Atmosphäre zur Folge und die neuen Nutzungsflächen (z.B. Wiesen und Getreidefelder) wiesen eine geringere [[Verdunstung_(einfach)|Evapotranspiration]] auf als Bäume, was zu einer Erwärmung führte, die die Abkühlung überwog.<ref name="Goosse 2011" />


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==

Aktuelle Version vom 30. Januar 2026, 19:36 Uhr

Abb. 1: Lübeck im Spätmittelalter

Klimaverhältnisse

Die Mittelalterliche Warmzeit war (zusammen mit der Kleinen Eiszeit) lange Zeit ein viel diskutiertes Thema. Besonders wurde von Klimaleugnern das "Argument" vorgebracht, dass es im Mittelter wärmer als heute gewesen sei und deshalb die gegenwärtige Erwärmung eine ganz natürliche Ursache habe. Im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC[1] wird der Begriff bewusst nicht mehr verwendet und nur noch von den Klimaänderungen der letzten 1000 Jahre gesprochen, deren auffälligste Phase die aktuelle Erwärmung seit 1850 ist. Davor gab es nach Erkenntnissen der jüngsten Forschung einen ungefähr sechs Jahrtausende langen Abkühlungstrend von -0,18 °C pro 1000 Jahre. Die auch als Mittelalterlichen Klimaanomalie[2] bezeichnete mittelalterliche Warmzeit von 950 bis 1250 stellt sich global als eine Phase dieses Abkühlungstrends dar, der sich während der Kleinen Eiszeit in den folgenden Jahrhunderten weiter verstärkte. Während die Temperaturentwicklung der Nordhalbkugel die Mittelalterliche Warmzeit schwach hervortreten lässt (Abb. 2), wird aus den globalen Daten deutlich, dass sie lediglich eine Phase eines langfristigen Trends hin zu kühleren Temperaturen der Kleinen Eiszeit ist (Abb. 3).

Abb. 2: Temperaturveränderung der letzten 1200 Jahre auf der Nordhemisphäre im Vergleich zu 1850–1900
Abb. 3: Globale Temperatur der letzten ca. 2000 Jahre. Hervorgehoben sind einzelne Vulkanausbrüche, die Mittelalterliche Warmperiode und die Kleine Eiszeit. Die Mittelalterliche Warmperiode sticht nicht besonders hervor, weil sie kein globales Phänomen war.

Insbesondere ist die Mittelalterliche Warmzeit kein globales Phänomen, sondern auf wenige Regionen beschränkt. Dazu gehören vor allem das südliche Grönland und der Nordatlantikraum sowie das nordöstliche Nordamerika (Abb. 4). Aber auch Teile Mittel- und Westeuropas waren im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Welt verhältnismäßig mild.

Abb. 4: Geographische Temperaturmuster in der Mittelalterlichen Warmzeit (950-1250) im Vergleich zu 1961-1990. Grau: keine Daten.

Zur Vorstellung einer mittelalterlichen warmen Phase trug nicht zuletzt eine europäische Geschichtsschreibung bei. So wurde die vorübergehende Besiedlung Grönlands durch Nordeuropäer mit dem milden Klima auf Grönland und Island in Verbindung gebracht.[3][4] Außerdem wurde während der Mittelalterlichen Warmzeit im Norden Schottlands und Skandinaviens der Getreideanbau möglich.[5] Vielfach wurde auch die landwirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum sowie die Entstehung bedeutender Städte (Abb. 1) mit den milden Temperaturen während des Mittelalters in Beziehung gebracht.

Ursachen

Vor der Industrialisierung kamen als Ursache von globalen Änderungen vor allem Schwankungen der Sonneneinstrahlung sowie Vulkanausbrüche in Frage. Nur wenige Forscher schreiben auch den Treibhausgas-Emissionen durch die sich ausbreitende Landwirtschaft eine gewisse Bedeutung zu (vgl. Anthropozän). Die mittlere globale Sonneneinstrahlung hat sich während des gesamten Holozäns nach neueren Studien nur wenig geändert.[6] Auch andere grundlegende Untersuchungen sehen in den solaren Schwankungen keine Erklärung für die Änderung der globalen Mitteltemperatur.[7] Abb. 4 zeigt zwar starke Schwankungen der Sonnenfleckenzahl, die für die Intensität der Solarstrahlung stehen, aber insgesamt einen abnehmenden Trend während der Mittelalterlichen Warmzeit, der sich bis in die kleine Eiszeit fortsetzt.

Eine größere Rolle dürften nach jüngsten Forschungen Vulkanausbrüche gespielt haben bzw. das Fehlen solcher Ausbrüche während der sog. mittelalterlichen Warmzeit.[5][7] Nach Büntgen et al. (2020)[8] können Vulkanausbrüche sommerliche Temperaturschwankungen für mehrere Jahre oder Jahrzehnte über großen Teilen der außertropischen Gebiete der Nordhalbkugel beeinflussen. Eine vergleichsweise schwache Vulkanaktivität begünstigt wie während des Mittelalters warme Perioden, während zeitliche Häufungen größerer Vulkanausbrüche zu einer längerfristigen Abkühlung führen können.

Moffa-Sánchez et al. (2019)[9] machen darauf aufmerksam, dass sich die ausgeprägten Warm- und Kaltperioden wie die Mittelalterliche Warmzeit und die anschließende Kleine Eiszeit vor allem im Nordatlantikraum bemerkbar gemacht haben. Die eher global wirkenden Strahlungseffekte durch die verschiedene Aktivität der Sonne oder durch die vulkanischen Aerosole in der Stratosphäre könnten daher weniger entscheidend gewesen sein. Vielmehr ist anzunehmen, dass Änderungen der nordatlantischen Zirkulation einen größeren Einfluss auf die deutliche Erwärmung Grönlands oder Islands gehabt haben. Proxydaten und Modellberechnungen lassen darauf schließen, dass die warmen und anschließenden kühlen Perioden durch die Schwankungen der Nordatlantische Zirkulation zustande gekommen sind.

Einzelnachweise

  1. IPCC AR6 WGI, 2.3.1.1
  2. So im IPCC AR5 WGI, 5.3.5
  3. Moreno-Chamarro, E., D. Zanchettin, K. Lohmann & J.H. Jungclaus (2015): Internally generated decadal cold events in the northern North Atlantic and their possible implications for the demise of the Norse settlements in Greenland. In: Geophysical Research Letters
  4. Gerold, G. (2021): Untergang der Wikinger auf Grönland. In: Klimawandel und der Untergang von Hochkulturen. Springer, Berlin, Heidelberg
  5. 5,0 5,1 Wagner, S. (2020): Vulkanismus und Klima in der Vergangenheit: Was lässt sich für die Zukunft lernen? In: Jorzik, O., J. Kandarr, P. Klinghammer & D. Spreen (Hrsg.), ESKP-Themenspezial Vulkanismus und Gesellschaft. Zwischen Risiko, Vorsorge und Faszination
  6. Kaufman, D.S., & E. Broadman (2023): Revisiting the Holocene global temperature conundrum. Nature 614, 425–435
  7. 7,0 7,1 PAGES 2k Consortium (2019): Consistent multidecadal variability in global temperature reconstructions and simulations over the Common Era. Nat. Geosci. 12, 643–649
  8. Büntgen, U., D. Arseneault, É. Boucher et al. (2020): Prominent role of volcanism in Common Era climate variability and human history, Dendrochronologia 64
  9. Moffa‐Sánchez, P., E. Moreno‐Chamarro, D.J. Reynolds et al. (2019): Variability in the northern North Atlantic and Arctic Oceans across the last two millennia: A review. Paleoceanography and Paleoclimatology, 34, 1399–1436

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