Mittelalterliche Warmzeit

Klimaverhältnisse
Die Mittelalterliche Warmzeit war (zusammen mit der Kleinen Eiszeit) lange Zeit ein viel diskutiertes Thema. Besonders wurde von Klimaleugnern das "Argument" vorgebracht, dass es im Mittelter wärmer als heute gewesen sei und deshalb die gegenwärtige Erwärmung eine ganz natürliche Ursache habe. Im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC[1] wird der Begriff bewusst nicht mehr verwendet und nur noch von den Klimaänderungen der letzten 1000 Jahre gesprochen, deren auffälligste Phase die aktuelle Erwärmung seit 1850 ist. Davor gab es nach Erkenntnissen der jüngsten Forschung einen ungefähr sechs Jahrtausende langen Abkühlungstrend von -0,18 °C pro 1000 Jahre. Die auch als Mittelalterlichen Klimaanomalie[2] bezeichnete mittelalterliche Warmzeit von 950 bis 1250 stellt sich global als eine Phase dieses Abkühlungstrends dar, der sich während der Kleinen Eiszeit in den folgenden Jahrhunderten weiter verstärkte. Während die Temperaturentwicklung der Nordhalbkugel die Mittelalterliche Warmzeit schwach hervortreten lässt (Abb. 1), wird aus den globalen Daten deutlich, dass sie lediglich eine Phase eines langfristigen Trends hin zu kühleren Temperaturen der Kleinen Eiszeit ist (Abb. 2).
Insbesondere ist die Mittelalterliche Warmzeit kein globales Phänomen, sondern auf wenige Regionen beschränkt. Dazu gehören vor allem das südliche Grönland und der Nordatlantikraum sowie das nordöstliche Nordamerika (Abb. 3). Aber auch Teile Mittel- und Westeuropas waren im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Welt verhältnismäßig mild.
Zur Vorstellung einer mittelalterlichen warmen Phase trug nicht zuletzt eine europäische Geschichtsschreibung bei. So wurde die vorübergehende Besiedlung Grönlands durch Nordeuropäer mit dem milden Klima auf Grönland und Island in Verbindung gebracht.[3][4] Außerdem wurde während der Mittelalterlichen Warmzeit im Norden Schottlands und Skandinaviens der Getreideanbau möglich.[5] Vielfach wurde auch die landwirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum sowie die Entstehung bedeutender Städte (Abb. 1) mit den milden Temperaturen während des Mittelalters in Beziehung gebracht.
Ursachen
Vor der Industrialisierung kamen als Ursache von globalen Änderungen vor allem Schwankungen der Sonneneinstrahlung sowie Vulkanausbrüche in Frage. Nur wenige Forscher schreiben auch den Treibhausgas-Emissionen durch die sich ausbreitende Landwirtschaft eine gewisse Bedeutung zu (vgl. Anthropozän). Die mittlere globale Sonneneinstrahlung hat sich während des gesamten Holozäns nach neueren Studien nur wenig geändert.[6] Auch andere grundlegende Untersuchungen sehen in den solaren Schwankungen keine Erklärung für die Änderung der globalen Mitteltemperatur.[7] Abb. 4 zeigt zwar starke Schwankungen der Sonnenfleckenzahl, die für die Intensität der Solarstrahlung stehen, aber insgesamt einen abnehmenden Trend während der Mittelalterlichen Warmzeit, der sich bis in die kleine Eiszeit fortsetzt.
Eine größere Rolle dürften nach jüngsten Forschungen Vulkanausbrüche gespielt haben bzw. das Fehlen solcher Ausbrüche während der sog. mittelalterlichen Warmzeit.[5][7] Nach Büntgen et al. (2020)[8] können Vulkanausbrüche sommerliche Temperaturschwankungen für mehrere Jahre oder Jahrzehnte über großen Teilen der außertropischen Gebiete der Nordhalbkugel beeinflussen. Eine vergleichsweise schwache Vulkanaktivität begünstigt wie während des Mittelalters warme Perioden, während zeitliche Häufungen größerer Vulkanausbrüche zu einer längerfristigen Abkühlung führen können.
Moffa-Sánchez et al. (2019)[9] machen darauf aufmerksam, dass sich die ausgeprägten Warm- und Kaltperioden wie die Mittelalterliche Warmzeit und die anschließende Kleine Eiszeit vor allem im Nordatlantikraum bemerkbar gemacht haben. Die eher global wirkenden Strahlungseffekte durch die verschiedene Aktivität der Sonne oder durch die vulkanischen Aerosole in der Stratosphäre könnten daher weniger entscheidend gewesen sein. Vielmehr ist anzunehmen, dass Änderungen der nordatlantischen Zirkulation einen größeren Einfluss auf die deutliche Erwärmung Grönlands oder Islands gehabt haben. Proxydaten und Modellberechnungen lassen darauf schließen, dass die warmen und anschließenden kühlen Perioden durch die Schwankungen der Nordatlantische Zirkulation zustande gekommen sind.
Einzelnachweise
- ↑ IPCC AR6 WGI, 2.3.1.1
- ↑ So im IPCC AR5 WGI, 5.3.5
- ↑ Moreno-Chamarro, E., D. Zanchettin, K. Lohmann & J.H. Jungclaus (2015): Internally generated decadal cold events in the northern North Atlantic and their possible implications for the demise of the Norse settlements in Greenland. In: Geophysical Research Letters
- ↑ Gerold, G. (2021): Untergang der Wikinger auf Grönland. In: Klimawandel und der Untergang von Hochkulturen. Springer, Berlin, Heidelberg
- ↑ 5,0 5,1 Wagner, S. (2020): Vulkanismus und Klima in der Vergangenheit: Was lässt sich für die Zukunft lernen? In: Jorzik, O., J. Kandarr, P. Klinghammer & D. Spreen (Hrsg.), ESKP-Themenspezial Vulkanismus und Gesellschaft. Zwischen Risiko, Vorsorge und Faszination
- ↑ Kaufman, D.S., & E. Broadman (2023): Revisiting the Holocene global temperature conundrum. Nature 614, 425–435
- ↑ 7,0 7,1 PAGES 2k Consortium (2019): Consistent multidecadal variability in global temperature reconstructions and simulations over the Common Era. Nat. Geosci. 12, 643–649
- ↑ Büntgen, U., D. Arseneault, É. Boucher et al. (2020): Prominent role of volcanism in Common Era climate variability and human history, Dendrochronologia 64
- ↑ Moffa‐Sánchez, P., E. Moreno‐Chamarro, D.J. Reynolds et al. (2019): Variability in the northern North Atlantic and Arctic Oceans across the last two millennia: A review. Paleoceanography and Paleoclimatology, 34, 1399–1436
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