Kohlendioxidentzug durch Aufforstung

Aus Klimawandel
Abb. 1: Totholz im Laubwald

Terrestrischer Kohlendioxidentzug

Aufforstung und Wiederaufforstung sind in der Lage, erhebliche Mengen an Kohlendioxid, das der Mensch zuvor emittiert hat, der Atmosphäre durch Photosynthese wieder zu entziehen. Die forstwirtschaftlichen Maßnahmen gehören zu den Methoden der Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre mit langfristiger Speicherung (engl. Carbon Dioxide Removal (CDR)), zu denen etwa auch die Speicherung von CO2 in Holzprodukten, der Anbau von Energiepflanzen mit anschließender Speicherung von CO2 in geologischen Schichten (Bioenergy with carbon dioxid capture and storage, BECCS), die Ausbringung von Biokohle auf Ackerflächen oder die direkte CO2-Entnahme aus der Atmosphäre mit anschließender geologischer Speicherung (Direct air capture with carbon storage, DACCS) zählen. Neben diesen terrestrischen Formen der Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre gibt es auch verschiedene marine CDR-Verfahren, bei denen Kohlendioxid im Meer gespeichert wird.

Der Weltklimarat IPCC definiert CDR folgendermaßen: CDR bezieht sich auf anthropogene Aktivitäten, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen und es dauerhaft in geologischen, terrestrischen oder ozeanischen Reservoirs oder in Produkten speichern. Es umfasst die bestehende und potenzielle anthropogene Verstärkung biologischer, geochemischer oder chemischer CO2-Senken, schließt jedoch die natürliche CO2-Aufnahme aus, die nicht direkt durch menschliche Aktivitäten verursacht wird.[1] Unter der natürlichen CO2-Aufnahme wird dabei eine Speicherung von Kohlendioxid verstanden, die nicht durch direkte menschliche Maßnahmen, sondern vor allem durch den höheren CO2-Gehalt der Atmosphäre ('CO2-Düngung') oder günstigere klimatische Bedingungen in höheren Breiten infolge des Klimawandels (höhere Temperaturen und längere Wachstumszeiten) bedingt ist. Unter Aufforstung versteht man die Ansiedlung von Wäldern oder Plantagen dort, wo für mindestens 50 Jahre kein natürlicher Waldbewuchs stattgefunden hat (Afforestation), als Wiederaufforstung wird die Anlage neuer Wälder auf Flächen verstanden, die in den letzten 50 Jahren entwaldet wurden (Reforestation).

Tab. 1: Aktuelle und zukünftige CO2-Entnahme durch CDR-Methoden. Werte nach: 1) Powis et al. (2023)[2]; 2) IPCC AR6, WGIII (2022): Table TS.7; 3) IPCC AR6, WGIII (2022): 7.4.5.3

Die gegenwärtige CO2-Aufnahme durch CDR-Methoden wird auf rund 2 Gt CO2/Jahr geschätzt,[3] bei fast 40 GtCO2-Emissionen vor allem durch die Nutzung fossiler Energieträger. Fast die gesamte CO2-Aufnahme durch CDR erfolgt gegenwärtig durch Aufforstung und Wiederaufforstung. Daneben spielt noch die Verwertung in Holzprodukten wie Möbel oder Bauholz eine gewisse Rolle. Technisch-basierte Methoden wie BECCS und DACCS tragen aktuell nur äußerst gering zur CO2-Aufnahme aus der Atmosphäre bei (Tab. 1). Letzteres soll sich schon in den nächsten Jahren ändern. Nach Powis et al. (2023)[2] befinden sich zahlreiche technik-basierte CDR-Projekte, in erster Linie BECCS-Maßnahmen, gegenwärtig im Entwicklungsstadium. Falls diese Projekte im Laufe dieses Jahrzehnts ihren Betrieb aufnehmen und keine neuen Projekte hinzukommen, können folgende Annahmen über die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre gemacht werden: BECCS könnte schon im Jahr 2024 auf ca. 11 Mio. t CO2/Jahr ansteigen. Der Grund wäre fast ausschließlich die Fertigstellung des Summit Carbon Solutions BECCS-Projekts (USA), wozu die Inbetriebnahme von 30 gekoppelten Ethanolproduktions-Anlagen und die damit verbundene geologische Speicherung gehören. Bis 2030 könnten weitere Projekte und deren Ausbau die gesamte CO2-Entnahme durch technik-basierte CDR-Maßnahmen wie BECCS und zunehmend auch DACCS auf über 22 Mio. t CO2/Jahr erhöhen (Tab. 1). Für 2050 liegen die oberen und unteren Schätzungen des IPCC größtenteils weit auseinander. Die Gründe sind primär unterschiedliche Kriterien bei der Berechnung wie technische Realisierbarkeit, Kosten und gesellschaftliche Akzeptanz.

Nebenwirkungen durch Aufforstung und Wiederaufforstung

Abb. 2: Ökosystemleistungen des Waldes am Beispiel von Deutschland

Bäume entziehen der Atmosphäre CO2 durch Photosynthese und speichern es in Stämmen und Wurzeln relativ langfristig. Das Pflanzen von Bäumen kann daher einen wertvollen Beitrag leisten, den Klimawandel abzuschwächen. Außerdem reduzieren Bäume auch zahlreiche Folgen des Klimawandels ab und bieten eine Reihe anderer Ökosystemleistungen (Abb. 2). Sie spenden Schatten und Kühle gegen Hitzewellen, nehmen bei Starkniederschlägen Wasser auf und verhindern so Erosion und Hochwasser. Wiederaufforstung in stark degradierten Gebieten, besonders wenn sie mit einheimischen Arten erfolgt, erhöht zudem die biologischen Vielfalt, verbessert die Wasserfilterung und die Neubildung von Grundwasser. Auch in Städten mildern Bäume die Folgen von extremen Wetterereignissen ab, die zunehmend als Folge des Klimawandels auftreten, und sind ein guter Schutz gegen hohe Temperaturen und starke Überschwemmungen.[4]

Andererseits kann die (Wieder-)Aufforstung in bestimmten Regionen auch zu erheblichen Problemen für Ökosysteme und menschliche Gemeinschaften führen. Das ist besonders der Fall, wenn es sich um nicht-heimische Arten, besonders Monokulturen, handelt, die in von Natur aus nicht mit Wald bestandenen Ökosystemen wie Grasländern, Buschland oder Savannen angesiedelt werden. Grasländer und Savannen sind in solchen Fällen besser in der Lage, in oberirdischen Pflanzen und in Böden Kohlendioxid zu binden als neu angepflanzte Bäume. Diese zerstören oft die natürlichen Ökosysteme und bedrohen die Biodiversität. Da solche offenen Landschaften sich zumeist in Gebieten mit geringem Niederschlag befinden und Bäume viel Wasser brauchen, verringern neue Bäume auch den Abfluss und reduzieren die Grundwassererneuerung. Außerdem können sie die häufigen Feuer in Savannen und Graslänern von Grass-Feuern zu Baum-Feuern verstärken und damit mehr CO2-Emissionen bewirken.[4][5]

Neben ökologischen kann eine großflächige Aufforstung auch zu erheblichen sozialen Problemen führen. Sie erfordert Land, das auch von anderen Nutzungen wie der Landwirtschaft gebraucht wird. Doelmann et al. (2020)[6] gehen bei einer kumulativen CO2-Speicherung von 410 GtCO2 durch Aufforstung bis 2100 von einem Flächenbedarf von 1100 Mio. ha aus. Das größte Potential der CO2-Speicherung durch Aufforstung liegt dabei in den Tropen und könnte hier auch am stärksten die Ernährungssicherheit gefährden. Das Ausmaß ist bislang unklar. Kreidenweis et a. (2016)[7] halten z.B. bei einer großflächigen Aufforstung eine Vervierfachung der globalen Nahrungsmittelpreise für möglich. Die Aufforstung selbst ist im Vergleich zu anderen Maßnahmen zum Schutz des Klimas wie die Elektrifizierung der Industrie, die Dekarbonisierung des Transports und die großskalige Anwendung erneuerbarer Energien verhältnismäßig billig.

Lateinamerika und Sub-Sahara-Afrika wären die Regionen mit dem größten Potential zur CO2-Speicherung durch Aufforstung, da sich hier die größten geeigneten Ländereien befinden und die Wälder durch die vorherrschenden klimatischen Bedingungen im Vergleich zur gemäßigten und borealen Klimazone höhere Wachstums- und Speicherungsraten aufweisen. Die Folge wären jedoch höhere Nahrungsmittelpreise und ein erhöhtes Hunger-Risiko. Die durch Hunger gefährdete Bevölkerung könnte sich global durch Aufforstung um 441 Mio. Menschen bis 2100 erhöhen, statt wie ohne Aufforstung angenommen sich von ca. 800 Mio. in 2010 auf ca. 200 Mio. zu verringern. Die Mehrheit wäre in Sub-Sahara-Afrika und Südasien betroffen. Das erhöht in diesen Regionen allerdings auch das Risiko für eine langfristigen Bewaldung, zumal die verbreiteten schwachen staatlichen Strukturen eine spätere Umkehr der Landnutzung zurück zur Landwirtschaft kaum verhindern werden könnten.[6] Gerade in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen können neu angelegte Wälder entgegen der vorherrschenden Meinung aber auch zur Ernährungssicherheit der Bevölkerung beitragen. So kommen Olesen et al. (2022)[8] nach einer Sichtung von 65 Studien zu dem Ergebnis, das Wälder auch eine positive Wirkung auf die in ihnen oder in ihrer Umgebung lebende Bevölkerung haben. Zum einen stellen sie direkt Nahrung aus dem Wald zur Verfügung wie Früchte und wilde Tiere. Zweitens wirken sich Wälder positiv durch Wasserspeicherung und Bodenverbesserung auf die umliegenden Ökosysteme und Anbaulächen aus und verringern die Bodenerosion. Und drittens bieten sie der ansässigen Bevölkerung Verdienstmöglichkeiten durch den Verkauf von Holz und anderen Waldprodukten.

Gefährdung von (Wieder-)Aufforstungen

Die Speicherung von CO2 ist gegenwärtig auch in schon bestehenden Wäldern durch direkte menschliche Einwirkungen gefährdet. Abholzung im großen Stil, z.B. für die weltweite Bau- und Möbelindustrie, vernichten vor allem Naturwälder in den Tropen, etwa in Indonesien, und verursachen CO2-Emissionen. Dabei kann allerdings das im verwerteten Holz gespeicherte CO2 durch eine langfristige Nutzung unter Umständen länger gespeichert bleiben als in lebenden Bäumen. Beim Abbrennen von großen Waldflächen für Rinderweiden oder den Anbau von Monokulturen, wie es aus dem Amazonasgebiet bekannt ist, werden erhebliche Mengen von Kohlendioxid direkt emittiert. Diese auf vorhandene Wälder bezogenen Risiken bestehen ebenso für Wälder, die mit der Absicht angelegt wurden, CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen. In einer veränderten sozialen Lage kann die Nutzung von Waldflächen von der Politik oder der lokalen Bevölkerung neu bewertet und z.B. die Produktion von Nahrungsmitteln als wichtiger erachtet werden als der Klimaschutz (s.o.). Ohnehin sind die in den letzten Jahrzehnten neu angelegten Waldflächen nur zu einem geringen Teil mit der Absicht geschaffen worden, CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Andere Gründe wie etwa die Holznutzung oder die Aufgabe von landwirtschaftlichen Flächen durch Modernisierung und Ertragssteigerung der Produktion waren in der Regel viel bedeutender. So ist etwa die deutliche Zunahme der europäischen Waldbedeckung seit dem 2. Weltkrieg um ca. 25% teils durch den Holzmangel in der Nachkriegszeit, teils durch die Aufgabe von landwirtschaftlichen Betrieben nach dem Ende des Sozialismus bedingt.[9]

Auf alle Komponenten der Aufforstung wirken letztendlich auch noch die Folgen der Klimaerwärmung. Diese können in verschiedenen Regionen positive oder negative Auswirkungen auf neu bewachsene Waldflächen haben. So wird angenommen, dass die Erwärmung zu einer höheren Produktivität der Pflanzenwelt in den hohen Breiten sowie zu einer Verschiebung der Baumgrenze nach Norden führen wird. In den niederen Breiten und Tropen hingegen können Trockenheit und Hitzeperioden die Produktivität erheblich einschränken. Das gilt ebenso für Waldbrände und und Insekten-Plagen. Dagegen ist Wasser ein wichtiger Faktor für das Wachstum von Bäumen, und zwar nicht nur der Niederschlag, sondern auch die Bodenfeuchtigkeit, das Grundwasser und der atmosphärische Wasserdampf. Einen erheblichen Einfluss besitzt zudem die CO2-Konzentration, deren Erhöhung das Pflanzenwachstum stark antreiben kann (so. CO2-Dünge-Effekt). Hauptsächlich durch die Zunahme des CO2-Gehalts der Atmosphäre hat die Brutto-Primärproduktion auf den Landgebieten der Erde zwischen 1951 und 2010 um 2% zugenommen. Ein Zeichen dafür ist, dass sich seit den 1980er Jahren die Fläche der globalen Wälder um 7% ausgedehnt hat, vor allem durch neue Wälder und das Wachstum bestehender Wälder in gemäßigten und borealen Regionen in Asien und Europa. In den 2000er und 2010er kam es dadurch zu einer Netto-Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre von 7,7 GtCO2/Jahr.[10]

Rückwirkungen von Aufforstung auf das Klima

Abb. 3: Klimawirkungen von Aufforstung und Wiederaufforstung: Durch die Aufnahme von CO2 wird das globale Klima abgekühlt, ebenso durch eine erhöhte Verdunstung, die sich in den kalten hohen Breiten allerdings nur wenig auswirkt. Die dunkle Fläche von Wäldern verringert die Reflexion von Sonnenstrahlen und bewirkt damit eine Erwärmung, besonders in den hohen Breiten. +/-: Erwärmung/Abkühlung

Im Rahmen von Climate Engineering sind Aufforstungen und Wiederaufforstungen primär dafür gedacht, CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen und möglichst langfristig zu speichern (Tab. 1). Bäume und Wälder besitzen jedoch eine vielfältige Wirkungen auf das Klima, die nicht nur eine Abkühlung zur Folge haben, sondern in manchen Fällen auch eine Erwärmung. Wälder nehmen nicht nur Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf, sondern geben das Treibhausgas durch Verrottung und Veratmung teilweise auch wieder an die Atmsophäre ab. In geringem Maße sind Wälder auch eine Quelle von Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O).[11]

Neben diesen biogeochemische Prozessen wirken Wälder aber vor allem auch durch biogeophysikalische Prozesse auf das Klima (Abb. 3). Mit der Anlage von Wäldern ändert sich etwa die Albedo (bzw. das Rückstrahlungsvermögen) der Erdoberfläche. Wälder besitzen eine dunkle Oberfläche und absorbieren daher in der Regel mehr Sonneneinstrahlung als landwirtschaftliche Flächen oder Savannen und Grasländer, wodurch sich die Umgebungsluft erwärmt. Der Unterschied der Albedo ist besonders groß auf verschneiten Flächen in hohen Breiten und übertrifft hier oft die Abkühlung durch die CO2-Aufnahme. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die höhere Verdunstung durch Wälder, die durchgehend abkühlend wirkt. Dieser Effekt spielt in den hohen Breiten wegen der geringen Verdunstungsleistung nur eine geringe Rolle, verstärkt in den Tropen aber den Abkühlungseffekt durch die CO2-Aufnahme. Hinzu kommt die höhere Bodenrauigkeit durch Wälder gegenüber einer kurzwüchsigen Pflanzenbedeckung. Dieser Effekt bewirkt, dass mehr warme Luft durch Turbulenzen nach oben gemischt wird, wodurch sich die unteren Luftschichten abkühlen.

Szenarien und Potentiale

Tab. 2: Technisches und ökonomisches Potential landbasierter CO2-Speicherung für 2050. 1) Technisches Potential: die Möglichkeiten bei Anwendung der gegenwärtig zur Verfügung stehenden Technologien, 2) Ökonomisches Potential: das ökonomisch Machbare bei Kosten von 100 $ für die Abscheidung einer t CO2. 3) IPCC AR6, WGIII (2022): Climate Change 2022. Mitigation of Climate Change, 7.4.2.2 - Bei BECCS wird nur das am Ende geologisch gespeicherte Kohlendioxid berücksichtigt, da alles nicht gespeicherte CO2 beim Verbrennungsprozess wieder in die Atmosphäre gelangt.

Im Pariser Abkommen von 2015 zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels durch den Menschen wurde beschlossen, die globale Erwärmung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts deutlich unter 2 °C und möglichst sogar auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, ist eine deutliche Reduzierung der anthropogenen Treibhausgasemissionen, vor allem der Emissionen von Kohlendioxid, unabdingbar. Auch wenn um die Mitte des Jahrhunderts Treibhausgas-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien gänzlich ersetzt sein sollten, so verbleiben doch schwer zu vermeidende Restemissionen: 1. von Nicht-CO2-Gasen wie Methan und Distickstoffoxid aus der Landwirtschaft und 2. von CO2, das bei industriellen Prozessen wie in der Zement- und Stahlindustrie anfällt. Diese Emissionen lassen sich bei einem Festhalten an den Pariser Klimazielen nach heutigem Kenntnisstand kaum anders ausgleichen als durch Verfahren, die CO2 aus der Atmosphäre entnehmen und möglichst langfristig speichern.[12] Aufforstung und Wiederaufforstung sind gegenwärtig die mit großem Abstand wirksamsten Methoden der CO2-Entnahme aus der Atmosphäre (Tab. 1). Auch wenn ihre relative Bedeutung in Zukunft aufgrund der begrenzten Flächenressourcen abnehmen wird, werden sie auch in den kommenden Jahrzehnten ihre herausragende Stellung beibehalten (Tab. 2).

Um in diesem Jahrhundert die globale Mitteltemperatur unter 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen (die aktuelle Erwärmung liegt bereits bei 1,2 °C) müssten bis zum Jahr 2100 zusätzlich zu einer deutlichen Minderung der Emissionen in der Summe etwa 700 GtCO2 aus der Atmosphäre entnommen werden. Da Aufforstung und Wiederaufforstung sehr viel Land brauchen und somit mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren, wird deren Bedeutung als CO2-Speicher in der 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts abnehmen und zusammen mit anderen landbasierte traditionellen CDR-Methoden auf kumulativ 360 GtCO2 geschätzt, während 400 GtCO2 durch neuere Methoden wie BECCS und DACCS angenommen werden.[3] 2030 müssten durch CDR im Vergleich zu 2020 zusätzlich 1 GtCO2/Jahr aus der Atmosphäre mehr entnommen werden, um das 2- oder 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Die Zusagen der Staaten in ihren Mitteilungen an die UNFCCC (Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen) liegen jedoch bei nur etwa 0,5 GtCO2/Jahr zusätzlicher CO2-Entnahme. 2050 müssten es 4,8 GtCO2/Jahr sein, während die Staaten nur etwa 2 GtCO2/Jahr zugesagt haben. Die CDR-Klimapolitik der Staaten steckt noch in den Kinderschuhen.[3]

Für die Einschätzung des zukünftigen Potentials von landbasierten Verfahren, CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen und langfrisitig zu speichern, werden außer Szenarien-Berechnungen, die sich an der globalen Mitteltemperatur orientieren, auch die technischen Möglichkeiten und die ökonomischen Kosten berücksichtigt. Tabelle 2 zeigt sowohl das technische Potential bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts als auch das ökonomische Potential, die grob im Verhältnis 2:1 stehen.[13] Aktiv geschützte und gezielt angelegte Wälder und andere Ökosysteme wären demnach in der Lage, um 2050 technisch machbare 13 GtCO2 pro Jahr aus der Atmosphäre aufzunehmen. Mit Rücksicht auf die Kosten der Maßnahmen, die auf 100 US$ begrenzt werden, reduziert sich die Speicherleistung auf etwas mehr als die Hälfte. Dabei wird dem Schutz von bestehenden Wäldern (u.a. Ökosystemen) eine höhere CO2-Entnahme zugeschrieben als der Anlage neuer Wälder.

Einzelnachweise

  1. IPCC AR6, WG III (2022): Technical Summary Climate Change 2022, Box TS.10: Mitigation of Climate Change, übersetzt
  2. 2,0 2,1 Powis R.C.M., M.S. Smith, J.C. Minx J., T. Gasser (2023): Quantifying global carbon dioxide removal deployment. Environ. Res. Lett. 18 (2023) 024022, https://doi.org/10.1088/1748-9326/acb450
  3. 3,0 3,1 3,2 Smith, S.M., O. Geden, G. Nemet et al. (2023): The State of Carbon Dioxide Removal - 1st Edition
  4. 4,0 4,1 IPCC AR6, WGII (2022): Climate Change 2022. Impacts, Adaptation and Vulnerability, FAQ 2.6: Can tree planting tackle climate change?
  5. , J.W., G.E. Overbeck, D. Negreiros et al. (2015): Where Tree Planting and Forest Expansion are Bad for Biodiversity and Ecosystem Services, BioScience, Volume 65, Issue 10, 01 October 2015, Pages 1011–1018
  6. 6,0 6,1 Doelman, J.C., E. Stehfest, D.P. van Vuuren et al. (2020): Afforestation for climate change mitigation: Potentials, risks and trade‐offs. Glob. Change Biol., 26(3), 1576–1591, doi:10.1111/gcb.14887
  7. Kreidenweis, U., F. Humpenöder, M. Stevanović et al. (2016): Afforestation to mitigate climate change: Impacts on food prices under consideration of albedo effects. Environmental Research Letters, 11, 085001
  8. Olesen, R. S., C. M. Hall & L. V. Rasmussen (2022): Forests support people’s food and nutrition security through multiple pathways in low- and middle-income countries. One Earth 5, 12, 1342-1353, https://doi.org/10.1016/j.oneear.2022.11.005
  9. Palmero-Iniesta, M., J. Pino, L. Pesquer et al. (2021): Recent forest area increase in Europe: expanding and regenerating forests differ in their regional patterns, drivers and productivity trends. Eur J Forest Res
  10. IPCC AR6, WGII (2022):Impacts, Adaptation and Vulnerability, Ch. 2, 2.4.4.5
  11. Popkin, G. (2019): The forest question, Nature 565, 280-282
  12. Fuss, S., F. Gruner, J. Hilaire u.a. (2021): CO2-Entnahmen: Notwendigkeit und Regulierungsoptionen. Studie im Auftrag der Wissenschaftsplattform Klimaschutz. Berlin
  13. IPCC AR6, WGIII (2022): Climate Change 2022. Mitigation of Climate Change, Table 7.3 und 7.4.2.2


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