Meeresspiegel der Zukunft: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Bild:Meeresspiegel_diff.jpg|thumb|520px|Veränderung des Meeresspiegels in Metern zwischen 2071-2100 (A1B-[[Klimaszenarien|Szenario]]) und 1961-1990.]]
[[Bild:SL RCP 2100.jpg|thumb|540px|Abb. 1: Anstieg des mittleren globalen Meeresspiegels nach verschiedenen [[RCP-Szenarien]] bis 2100 im Vergleich zu 1986-2005 - IPCC, AR5 2013]]
Der '''Meeresspiegelanstieg der Zukunft''' ist eine sehr schwierig zu bestimmende Größe. In Abhängigkeit von den [[IPCC]]-Emissions-[[Klimaszenarien|Szenarien]] und der daraus abgeleiteten Erwärmung lässt sich mit einiger Zuverlässigkeit der Anstieg durch die Ausdehnung des Meerwassers bestimmen. Für das A1B-Szenario gibt der IPCC einen Meeresspiegelanstieg von 21-48 cm an.<ref>IPCC (2007): Climate Change 2007, Working Group I: The Science of Climate Change, Technical Summary, Table TS.6; auch als [http://ipcc-wg1.ucar.edu/wg1/Report/AR4WG1_Print_TS.pdf Download]</ref> Der Anteil der thermischen Ausdehnung wird dabei auf 70-75% geschätzt. Die Dynamik der [[Eisschilde]] ist nicht berücksichtigt.
 
== IPCC-Projektionen ==
[[Bild:SLR 2100 SROCC.jpg|thumb|540px|Abb. 2: Anstieg des globalen Meeresspiegels nach den Szenarien RCP2.6 und RCP8.5 bis 2100 - IPCC-Sonderbericht SROCC 2019]]
Der '''Meeresspiegelanstieg der Zukunft''' ist eine sehr schwierig zu bestimmende Größe. In Abhängigkeit von den [[Klimaszenarien]] und der daraus abgeleiteten Erwärmung lässt sich mit einiger Zuverlässigkeit der Anstieg durch die Ausdehnung des Meerwassers bestimmen. Für das [[RCP-Szenarien|RCP8.5-Szenario]] gibt der [[IPCC]]-Bericht von 2013 einen Meeresspiegelanstieg von 45-82 cm an (Abb. 1). Der Anteil der thermischen Ausdehnung wird dabei auf 30-55% geschätzt. Bei dem niedrigen Szenario [[RCP-Szenarien|RCP2.6]] wird eine thermale Expansion von 10 bis 18 cm angenommen.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.5.1 und Table 13.5</ref> Die Zunahme der Ozeanmasse durch das Abschmelzen von Eis, insbesondere durch die Eisdynamik, ist wesentlich schwieriger zu prognostizieren. Die einzelnen Usachen des Meeresspiegelanstiegs der Zukunft werden weiter unten diskutiert.<ref name="IPCC 2013 Summary">IPCC (2013): Working Group I Contribution to the IPCC Fifth Assessment Report Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers</ref>
 
[[Bild:AR6 SLR 2100.jpg|thumb|540px|Abb. 3: Anstieg des globalen Meeresspiegels nach den SSP-Szenarien bis 2050 und 2100]]
 
2019 hat der IPCC einen Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre im Klimawandel veröffentlicht.<ref>IPCC (2019): [https://www.ipcc.ch/srocc/download-report/ IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate]</ref> Darin werden nach Auswertung der nach dem letzten IPCC-Bericht von 2013 veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten die damaligen Einschätzungen über den Meeresspiegelanstieg bis 2100 nach oben korrigiert (Abb. 2). Aktuell liegt die Rate des Meeresspiegelanstiegs bei 3-4 mm für den Zeitraum 2005-2015. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird bei dem niedrigen Szenario RCP2.6, bei dem die Erwärmungsgrenze von 2 °C nach dem Pariser Abkommen von 2015 nicht überschritten wird, diese Rate auf 4-9 mm steigen. Der Meeresspiegel wird bei diesem Szenario bis 2050 um 24 cm und bis 2100 um 29-59 cm ansteigen. Kommt es zu dem hohen Szenario RCP8.5, ist gegen Ende des Jahrhunderts eine Anstiegsrate von 10-20 mm pro Jahr zu erwarten, also etwa viermal so hoch wie heute. Der Anstieg des Meeresspiegels wird dann bis 2050 bei 32 cm liegen und gegen Ende des Jahrhunderts bei 61-110 cm. Die Unsicherheiten der Projektionen nehmen nach 2050 deutlich zu, daher auch die großen Bandbreiten. Hauptgrund sind die Schwierigkeiten, das Abschmelzen des Antarktischen Eisschildes abzuschätzen.<ref name="IPCC 2019a">IPCC (2019): Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, Chapter 4: Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities</ref>


== Künftige Ursachen ==
== Künftige Ursachen ==
[[Bild:Meeresspiegel_2100_tabelle.jpg|thumb|420px|Temperatur- und Meeresspiegelanstieg bis 2100 nach IPCC 2007]]
Als Ursachen für den Meeresspiegel-Anstieg kommen vor allem die thermale Expansion des Meerwassers durch die Erwärmung der Ozeane (thermosterischer Anstieg) und die Zunahme des Wasservolumens durch das Abschmelzen von Eis auf dem Land (eustatischer Anstieg) in Frage.
 
=== Sterischer Meeresspiegelanstieg ===
=== Sterischer Meeresspiegelanstieg ===


Die Ausdehnung des Wasserkörpers der Ozeane wird auch in den nächsten Jahrzehnten zum Meeresspielanstieg beitragen. Nach den meisten Modellrechnungen wird sie im 21. Jahrhundert sogar der dominante Faktor sein und wird am Ende des Jahrhunderts je nach Szenario zwischen 2 und 4 mm pro Jahr betragen (gegenüber 1,5 mm/Jahr in den letzten 10 Jahren). Die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen sind dabei verhältnismäßig groß. Der Grund liegt nicht nur in der regional verschieden starker Erwärmung des Meerwassers, sondern auch in der Verringerung des Salzgehaltes in einigen Regionen sowie in der Änderung von Meeresströmungen. In einigen Gebieten wie z.B. dem Nordatlantik und Arktischen Ozean können die Salzgehaltsänderungen von ähnlicher Bedeutung sein wie die Temperaturerhöhung. Auch die prognostizierte Schwächung der nordatlantischen Zirkulation wird zu einem stärkeren Anstieg des Meeresspiegels führen.<ref>IPCC 2007: The Physical Science Basis, Global Climate Projections, 10.6; auch als [http://ipcc-wg1.ucar.edu/wg1/Report/AR4WG1_Print_Ch10.pdf Download]</ref> Eine Simulation am Max-Planck-Institut für Meteorologie nach dem IPCC-Szenario A1B zeigt, dass der sterische Meeresspiegelanstieg durch Erwärmung des Ozeans und Abnahme des Salzgehalts in manchen Regionen 26 cm bis 2100 und 65 cm bis 2200 betragen wird. Den stärksten Anstieg wird hiernach der Atlantik verzeichnen, da hier die Verringerung der Dichte durch Süßwasserzufuhr eine wichtige Rolle spielen wird. Dadurch wird der Unterschied zwischen dem mittleren Meeresspiegelniveau des Atlantiks und des Pazifiks, der gegenwärtig 78 cm beträgt, teilweise ausgeglichen.<ref>Landerer, F.W., J.H. Jungclaus and J. Marotzke (2007): Regional dynamic and steric sea level change in response to the IPCC-A1B scenario, Journal of Physical Oceanography 37, 296–312</ref>
Die Ausdehnung des Ozeanwassers kann zwei Ursachen haben, die Wärmeaufnahme des Ozeans und eine mögliche Abnahme des Salzgehalts. Die Erwärmung des Meerwassers ist im allgemeinen bei weitem die wichtigste Ursache. In bestimmten Regionen kann aber auch der Salzgehalt die dominierende Rolle spielen.
Die Energiezunahme des Klimasystems durch den Klimawandel wird zu mehr als 90 % vom Ozean aufgenommen. Durch die [[Erwärmung des Ozeans]] dehnt sich das Meerwasser aus und bewirkt einen Anstieg des Meeresspiegels, der im Mittel 11 cm pro 10<sup>24</sup> Joule  beträgt. In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts erwärmen sich vor allem die oberen Schichten der Wassermasse. Mit der Zeit wird die Erwärmung in tiefere Schichten abgegeben, was vor allem im Nördlichen Atlantik und Südlichen Ozean passiert, weil hier die vertikale Zirkulation und turbulente Mischungsvorgänge am ausgeprägtesten sind. Über längere Zeiträume von Jahrtausenden beträgt der Meeresspiegelanstieg durch thermale Expansion nach verschiedenen Modellrechnungen 20-63 cm pro Grad Celsius globaler Erwärmung, bei einem Mittel von 42 cm.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.1</ref>  


=== Gletscher und Eiskappen ===
Bis 2081-2100 wird der Meeresspiegelanstieg durch thermale Expansion nach Szenario RCP2.6 im Mittel 14 cm betragen und nach RCP8.5 im Mittel 27 cm.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5</ref>


Das [[Gletscherschmelze|Abschmelzen von Gletschern]] und Eiskappen wird zwar ebenfalls seinen Beitrag leisten, aber eindeutig begrenzt sein. Insgesamt beträgt das Volumen der Gletscher und [[Eisschilde]] auf der Erde 260 000 km<sup>3</sup>, die einem potentiellen Meeresspiegelanstieg von 0,65 m entsprechen. <ref>Dyurgerov, M. and Meier, M.F. (2005): [http://instaar.colorado.edu/other/download/OP58_dyurgerov_meier.pdf Glaciers and the Changing Earth System: a 2004 snapshot]</ref>
=== Eustatischer Meeresspiegelanstieg ===
Da die Gebirgsgletscher besonders schnell abschmelzen, wird ihr Anteil am Meeresspiegelanstieg in den nächsten Jahrzehnten möglicherweise kurzfristig zunehmen, dann aber zunehmend geringer werden und wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert gegen Null gehen.
==== Gletscher und Eiskappen ====
Ein weiterer wichtiger Faktor für den Anstieg des globalen Meeresspiegels sind die Gletscher der Erde. Sie tragen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts je nach Szenario zwischen 7-17 cm (RCP2.6) und 12-26 cm (RCP8.5) zum Meeresspiegelanstieg bei. Hinzu kommen noch einmal 3-6 cm, wenn die Randgletscher von Grönland und Antarktis einbezogen werden. Große Unsicherheiten bestehen bei den Gletschern, die direkt ins Meer münden und ihr Eis durch Kalben verlieren. Das betrifft etwa 280 500 km<sup>2</sup> der globalen Gletscherfläche von 734 000 km<sup>2</sup> bzw. 38 %. Diese Gletscher können stoßweise in relativ kurzer Zeit sehr viel Eis verlieren. So hat etwa der Columbia-Gletscher in Alaska 7,65 Gt/Jahr zwischen 1996 und 2007 verloren, was allein von diesem Gletscher einem Beitrag von 1,3 % am gesamten durch Eisschmelze verursachten Meeresspiegelanstieg bedeutete.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.2</ref>


=== Grönland und Antarktis ===
==== Grönland ====
[[Bild:Greenland ice sheet SL2100.jpg|thumb|400px|Abb. 4: Beitrag des Grönländischen Eisschildes zum Meeresspiegelanstieg bis 2100 durch Abschmelzen an der Oberfläche und Eisdynamik nach dem Szenario RCP4.5. Die Farben in der Fläche zeigen den regionalen Beitrag durch Abschmelzen in mm Wasseräquivalente pro Jahr. Die lila bzw. grüne Linie zeigen das Zurückweichen der Gleichgewichtslinie zwischen Akkumulation und Ablation. Die schwarzen Linien zeigen neben dem Rand des Eisschildes die Abflussgebiete von vier wichtigen Auslassgletschern, deren Beitrag zum Meeresspiegelanstieg in den eingelassenen Kästchen dargestellt wird. Im Kästchen oben rechts wird der Beitrag des gesamten Eisschilds zum Meeresspiegelanstieg gezeigt: hellgrau die Bandbreite durch Abschmelzen, dunkelgrau die Bandbreite durch Eisdynamik.]]
* Hauptartikel: [[Grönländischer Eisschild]]
* Hauptartikel: [[Grönländischer Eisschild]]
* Hauptartikel: [[Antarktischer Eisschild]]


Auch wenn es noch umstritten ist, ob das Abschmelzen der großen Eisschilde gegenwärtig die Hauptursache für den Meeresspiegelanstieg ist oder nicht, geht davon für die fernere Zukunft mit Sicherheit die größte Gefahr aus. Das zeigt schon der Blick auf den gewaltigen Meeresspiegelanstieg seit dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit um 120 m, der fast vollständig durch das Abschmelzen der Eismassen auf den Kontinenten der Nordhalbkugel verursacht wurde, während die Ausdehnung des Meerwassers durch Erwärmung daran nur einen verschwindend kleinen Anteil hatte. Auch in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird bei anhaltender globaler Erwärmung das Abschmelzen Grönlands und von Teilen der Antarktis den Meeresspiegel zunehmend beeinflussen, während der Anteil durch die Erwärmung des Ozeanwassers und der der Gletscher und Eiskappen immer geringer wird.
Auch wenn es noch umstritten ist, ob das Abschmelzen der großen Eisschilde gegenwärtig die Hauptursache für den Meeresspiegelanstieg ist oder nicht, geht davon für die fernere Zukunft mit Sicherheit die größte Gefahr aus. Das zeigt schon der Blick auf den gewaltigen Meeresspiegelanstieg seit dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit um 120 m, der fast vollständig durch das Abschmelzen der Eismassen auf den Kontinenten der Nordhalbkugel verursacht wurde, während die Ausdehnung des Meerwassers durch Erwärmung daran nur einen verschwindend kleinen Anteil hatte. Auch in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird bei anhaltender globaler Erwärmung das Abschmelzen Grönlands und von Teilen der Antarktis den Meeresspiegel zunehmend beeinflussen, während der Anteil durch die Erwärmung des Ozeanwassers und der der Gletscher und Eiskappen immer geringer wird.


Im 21. Jahrhundert wird der Beitrag der Eisschilde am Meeresspiegelanstieg allerdings klein bleiben, vielleicht sogar aufgrund des Wachstums der antarktischen Eismasse negativ sein.<ref>Cazenave, A. und R. Nerem (2004): Present-day sea level change: observations and causes. Reviews of Geophysics 42 (3), 139-150</ref> Nach Projektionen von Eismodellen wird der Massenverlust des [[Grönländischer Eisschild|grönländischen Eisschildes]] durch Schmelzen und Kalben von Eisbergen einen durchschnittlichen Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von 0,4 mm/Jahr leisten.<ref>Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460</ref> Wegen der fehlenden Berücksichtigung der Eisdynamik ist dieser Wert möglicherweise deutlich zu gering.<ref>Krabill, W., Hanna, E.; Huybrechts, P., Abdalati, W., Cappelen, J., Csatho, B., Frederick, E., Manizade, S., Martin, C., Sonntag, J., Swift, R., Thomas, R., Yungel, J. (2004): Greenland Ice Sheet: Increased coastal thinning, Geophys. Res. Lett., Vol. 31, No. 24, L24402 10.1029/2004GL021533; ähnlich: Alley, R.B., P.U. Clark, P. Huybrechts, and I. Joughin (2005): Ice-Sheet and Sea-Level Changes, Science 310, 456-460; Rignot, E., and P. Kanagaratnam (2006): Changes in the Velocity Structure of the Greenland Ice Sheet, Science 311, 986-990</ref>
Der künftige Beitrag des Grönländischen Eisschilds zum Meeresspiegelanstieg wird zunehmend höher ausfallen.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.3</ref> Zum einen wird die wachsende Ablation (durch Schmelzen an der Oberfläche) die Akkumulation (durch Schneefall) mehr und mehr übertreffen. Der Niederschlag nimmt zwar nach Modellprojektionen um 5 % pro 1 °C Erwärmung über Grönland zu. Die Zunahme des Schneefalls ist jedoch geringer, weil der Anteil an Regen am Gesamtniederschlag mit der höheren Temperatur wächst. Die Gebiete und die Zeiten, in denen statt Schnee Regen fällt, werden immer ausgedehnter. In diesem Zusammenhang spielen außerdem Feedbackprozesse  eine Rolle, durch die die Beschleunigung der Schmelzwasserproduktion zunimmt. Wenn helle Schneeflächen mit einer hohen Albedo beim Schmelzen durch dunklere Wasser- oder wiedergefrorene Eisoberflächen ersetzt werden, verringert sich die Albedo. Die Folge ist eine höhere Absorption von Strahlung, die zu höheren Temperaturen und stärkerem Abschmelzen des Eises führt.


Anders als bei dem grönländischen Eisschild ergeben Modellrechnungen für die [[Antarktischer Eisschild|Antarktis]] für die nächsten 100 Jahre eine positive Massenbilanz durch zunehmende Akkumulation. Der Meeresspiegelanstieg bis 2100 durch das Abschmelzen auf Grönland wird dadurch in etwa ausgeglichen. Auch für die nächsten Jahrhunderte wird kein größerer Nettoverlust des antarktischen Eisschildes erwartet.<ref>Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460</ref> Auch hier könnte die Eisdynamik entgegen den Modellrechnungen zu einem deutlich höheren Meeresspiegelanstieg führen. Risikostudien, die sehr unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche Ereignisse mit katastrophalen Folgen untersuchen, gehen davon aus, dass ein Meeresspiegelanstieg von 5 m in 100 Jahren nur durch den Zerfall des westantarktischen Eises denkbar wäre.<ref>Tol, R.S.J., M. Bohn, T.E. Downing, M.L. Guillerminet, E. Hizsnyik, R. Kasperson, K. Lonsdale, C. Mays, R. J. Nicholls, A.A. Olsthoorn, G. Pfeifle, M. Poumadere, F.L. Toth, A.T. Vafeidis, P.E. van der Werff, I.H. Yetkiner (2006): Adaptation to Five Metres of Sea Level Rise, Journal of Risk Research 9, 467-482</ref>
Höhere Temperaturen sowohl in der Atmosphäre wie im Ozean und die Produktion von Schmelzwasser haben außerdem einen viel diskutierten Einfluss auf die Dynamik des Eisschildes, d.h. vor allem auf die Fließbewegungen Richtung Meer. Das ist gegenwärtig schon durch Beobachtungen feststellbar. Der Eisverlust durch das Kalben ins Meer an der Front und das Abschmelzen von im Meer mündenden Gletscherzungen von Auslassgletschern führt schon heute zu erheblichen Eisverlusten, weil sie das Tempo erhöhen, mit dem der Eisschild ins Meer abfließt. Dieses Tempo wird auch dadurch beschleunigt, dass Schmelzwasser in Gletscherspalten unter den Eiskörper gerät und hier wie ein Schmierfilm wirkt.  


Für die folgenden Jahrhunderte und Jahrtausende ist nach heutigen Modellrechnungen allerdings wahrscheinlicher das Eis auf Grönland gefährdet. Bei einer länger anhaltenden Erwärmung von 3 °C und mehr wird danach der Eisschild über mehrere Jahrhunderte sich deutlich verkleinern. Da die Erwärmung in höheren Breiten sichtlich stärker ausfällt als im globalen Mittel, wird dieser Wert schon bei einem globalen Temperaturanstieg von 1,2 °C erreicht. Bei einer weiteren Erwärmung könnte der Eisschild nach manchen Modellrechnungen in den nächsten 3000 Jahren völlig verschwinden und einen Meeresspiegelanstieg von 7 m hervorrufen.<ref>Alley, R., P.U. Clark, P. Huybrechts and I. Joughin (2005): Ice-sheets and sea-level changes, Science 310, 456-460; Gregory, J.M., P. Huybrechts, and S.C.B. Raper (2004): Threatened loss of the Greenland ice-sheet. Nature 428, 616</ref>
Über längere Zeiträume ist ein weiterer wichtiger Feedback-Prozess die Verringerung der Höhe des Eisschildes durch das stetige Abschmelzen. Dadurch gerät die Eisoberfläche in Niveaus mit höheren Temperaturen als heute, was das weitere Abschmelzen beschleunigt. Weitere Prozesse, die auf das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds zurückwirken, sind Auswirkungen etwa des Schmelzwasserflusses auf Meeresströmungen, z.B. auf die thermohaline Zirkulation im Nordatlantik. Da das Süßwasser der Eisschmelze die thermohaline Zirkulation schwächen würde, wäre die Rückkopplung eher negativ und würde das Abschmelzen des Eisschildes auf Grönland abschwächen. Der Effekt wird jedoch für dieses Jahrhundert als sehr gering eingeschätzt.


== Meeresspiegelanstieg bis 2100 ==
Insgesamt wird der Beitrag des Grönländischen Eisschildes bis 2081-2100 im Vergleich zu 1986-2005 sowohl durch direktes Abschmelzen wie durch die Eisdynamik nach dem Szenario RCP8.5 auf 12 (maximal 23) cm eingeschätzt, nach RCP2.6 auf 7 (maximal 13) cm.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5</ref>
[[Bild:Meeresspiegel2100_rahmstorf.gif|thumb|520px|Meeresspiegelanstieg bis 2100 bei einem gleichbleibenden Verhältnis von Temperatur- und Meeresspiegelveränderung]]
Aussagen über den zukünftigen Meeresspiegelanstieg sind mit großen Unsicherheiten behaftet. Nicht nur, dass sie wie jede Klima"prognose" wegen der zugrundeliegenden Emissionsszenarien nur Entwürfe über mögliche Zukünfte darstellen. Bereits über das gegenwärtige Verhalten der [[Eisschilde]] in einem wärmeren Klima sind die Kenntnisse sehr begrenzt. Es mag daher durchaus legitim sein, die Beziehung von Temperatur- und Meeresspiegelanstieg im 20. Jahrhundert in die Zukunft zu projizieren, wie es der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf getan hat.<ref>Rahmstorf, S. (2007): A Semi-Empirical Aproach to Projecting Future Sea-Level Rise, Science 315, 368-370</ref> Falls dieses Verhältnis über die nächsten Jahrzehnte etwa gleich bleiben sollte, würde aufgrund der IPCC-Szenarien über den Temperaturanstieg im 21. Jahrhundert mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 0,5 bis 1,4 m zu rechnen sein. Dieser Wert übersteigt deutlich die IPCC-Berechnungen. Immerhin steigt der Meeresspiegel aber gegenwärtig bereits um 31 mm pro Jahrzehnt. 


Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Studien über die Verhältnisse in der letzten Zwischeneiszeit vor 130 000 Jahren, dem Eem, als die Temperaturen ungefähr so hoch waren, wie sie für das Ende des 21. Jahrhunderts erwarten werden. Der Meeresspiegel lag damals um 4 bis 6 m über dem heutigen Niveau. Neben Grönland hat aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Westantarktis dazu beigetragen. Modellrechnungen bis 2130 lassen für Grönland und besonders für die Antarktis eine deutlich stärkere Erwärmung als während des [[Eiszeitalter#Kalt-_und_Warmphasen|Eem]] erwarten, wofür u.a. die anderen Strahlungsverhältnisse, aber auch anthropogene Rußablagerungen auf dem Eis verantwortlich sind. Ein Meeresspiegelanstieg schon über die nächsten 130 Jahre von 1 m pro Jahrhundert allein durch den Beitrag der Eisschilde wird in diesem Zusammenhang durchaus für möglich gehalten.<ref>Overpeck, J.T., B.L. Otto-Bliesner, G.H. Miller, D.R. Muhs, R.B. Alley, and J.T. Kiehl (2006): Paleoclimatic Evidence for Future Ice-Sheet Instability and Rapid Sea-Level Rise, Science 311, 1747-1750</ref>
==== Antarktis ====
* Hauptartikel: [[Antarktischer Eisschild]]
Für das 21. Jahrhundert wird das oberflächliche Abschmelzen des antarktischen Eisschildes wegen der niedrigen Temperaturen als relativ gering eingeschätzt. Ausnahmen sind die Küstenzonen und die Antarktische Halbinsel. Der Schneefall wird dagegen zunehmen, weil die Atmosphäre sich erwärmt und mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Netto wird damit die Masse des Eisschildes um ca. 5 % zunehmen und damit zu einer Absenkung des Meeresspiegels nur durch Schneefall und oberflächliches Abschmelzen um 2 cm nach dem Szenario RCP2.6 und um 4 cm nach RCP8.5 bis 2100 führen.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4, FAQ 13.2, Table 13.5</ref>
 
Der Antarktische Eisschild verliert jedoch nicht nur an Masse durch oberflächliches Abtauen, sondern auch durch den Abfluss von Eis über verschiedene Auslassgletscher Richtung Meer. Berücksichtigt man diese Eisdynamik, ist damit zu rechnen, dass der Antarktische Eisschild durchaus einen positiven Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 leisten wird, der vom IPCC mit einem mittleren Wert von 4 cm unabhängig von den Szenarien angegeben wird.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5</ref> Dabei spielt vor allem das vorgelagerte Eisschelf eine entscheidende Rolle, das den Abfluss des Eises Richtung Ozean wie ein Widerlager verlangsamt. Löst sich dieses Eisschelf auf, kann das Eis ungehinderter ins Meer fließen, so wie es bei der bekannten Auflösung des Larsen-B-Schelfeises an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel im Jahre 2002 der Fall war, das zeitweilig bis zu einer Verachtfachung der Abflussgeschwindigkeit der nachgelagerten Auslassgletscher geführt hat. Das Schelfeis ist zum einen durch das Abtauen an der Oberfläche wie beim Larsen-B-Schelfeis gefährdet, zum anderen durch Abschmelzen von unten, ausgelöst durch wärmeres Ozeanwasser. Diese Prozesse und die Folgen für die Eisdynamik sind nicht nur sehr schwierig zu beobachten, sondern auch nur begrenzt in Klimamodellen abzubilden. Es gibt daher auch  keine verlässlichen Berechnungen bis zum Ende des Jahrhunderts.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4</ref>


Der amerikanische Klimaforscher James Hansen hält selbst solche Schätzung für deutlich zu niedrig.<ref>James Hansen, Makiko Sato, Pushker Kharecha, Gary Russell, David W. Lea and Mark Siddall (2007): Climate Change and Trace Gases, Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Series A, 365, 1925-1954; auch [http://pubs.giss.nasa.gov/docs/2007/2007_Hansen_etal_2.pdf online]</ref> Hansen geht von einem wesentlich größeren Beitrag der Eisschilde aus als im IPCC-Bericht von 2007 angenommen. Er betont, dass sich die Rate des Massenverlusts des grönländischen und westantarktischen Eises in den letzten Jahren verdoppelt habe. Und er verweist auf die Zeit vor dem Eiszeitalter, vor 3 Millionen Jahren, als der CO<sub>2</sub>-Gehalt bei 350-450 ppm lag und die Temperaturen etwa 2-3 °C wärmer als heute waren, also Verhältnisse herrschten, die in diesem Jahrhundert sehr wahrscheinlich erreicht oder überschritten werden. Damals sei die Erde ein dramatisch anderer Planet als heute gewesen, ohne arktisches Meereis und mit einem 25 m höheren Meeresspiegel. Auch wenn das Eis sehr verzögert auf die Erwärmung von Atmosphäre und Ozean reagiere, würden paläoklimatische Daten zeigen, dass es mehrfach einen Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern innerhalb eines Jahrhunderts durch den Zerfall von Festlandeis gegeben habe, sogar bei Erwärmungsraten unterhalb der erwarteten für das 21. Jahrhundert. Hansen hält deshalb einen Meeresspiegelanstieg von 5 m bis 2100 durchaus für möglich. Dabei glaubt er nicht an einen linearen Anstieg, wie ihn Rahmstorf voraussetzt, sondern meint, dass die in den letzten Jahren beobachtete Beschleunigung der Eisschmelze sich fortsetzen wird.
Gefährdet sind vor allem die großen Eisschelfe der Antarktischen Halbinsel und der Westantarktis. Bevor die großen antarktischen Eisschelfe, das Ross- und das Filchner-Ronne-Eisschelf jedoch ernsthaft bedroht sind, müsste es eine lokale Erwärmung von 5 bis 7 °C geben, die bis zum Ende des 21. Jahrhunderts eher unwahrscheinlich ist. Insgesamt schätzt der IPCC nach Sichtung der vorliegenden Literatur den Meeresspiegelanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts nur durch die dynamische Eisbewegungen des Antarktischen Eisschildes auf -1 bis +16 cm, unabhängig von den Szenarien. Die Bandbreite zeigt die große Unsicherheit und geringe Übereinstimmung bei den bisherigen Untersuchungen. Allerdings wird davon ausgegangen, dass sich der Beitrag durch die Eisdynamik nach dem Jahr 2100 fortsetzt.<ref>IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4, Table 13.5</ref>


== Langfristiger Meeresspiegelanstieg ==
== Langfristiger Meeresspiegelanstieg ==
* Hauptartikel: [[Langfristiger Meeresspiegelanstieg]]


Für die Zeit bis 2300 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) nach Auswertung der aktuellen Literatur bei einer auf 3 °C begrenzten globalen Erwärmung eine vorsichtige Abschätzung des Meeresspiegelanstiegs vorgenommen. Danach wird der Anstieg bei 3 bis 5 m liegen. Daran sind Grönland und die Westantarktis mit jeweils 1-2 m beteiligt.<ref>Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2006): Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch, zu sauer, Sondergutachten, Berlin, S. 33; auch als [http://www.wbgu.de/wbgu_sn2006.pdf Download]</ref>


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
<references/>
<references/>


== Siehe auch ==
* [[Meeresspiegeländerungen]]
* [[Ursachen des aktuellen Meeresspiegelanstiegs]]
* [[Folgen des Meeresspiegelanstiegs]]


== Literatur ==
<div class="db-db-wb_ro">
* IPCC 2007: The Physical Science Basis, Chapter 10: Global Climate Projections; auch als [http://ipcc-wg1.ucar.edu/wg1/Report/AR4WG1_Print_Ch10.pdf Download (PDF-Datei)]
<div class="db-db-wb_lo">
* Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2006): Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch, zu sauer, Sondergutachten, Berlin, S. 33; auch als [http://www.wbgu.de/wbgu_sn2006.pdf Download (PDF-Datei)]
<div class="db-db-wb_ru">
<div class="db-db-wb_lu">
<div class="inhalt">
 
==Klimadaten zum Thema==
{{Bild-links|Bild=Meeresspielgelanstieg rcp85 2100.jpg|Breite=200px}}
Klimadaten zum Thema selbst auswerten? Hier können Sie eigene Karten zum Meeresspiegelanstieg aus [http://bildungsserver.hamburg.de/00-globale-daten/ '''Globalen Klimamodelldaten'''] erzeugen:
 
 
[http://bildungsserver.hamburg.de/00-globale-daten/8665408/globaler-meeresspiegelanstieg/ Globaler Meeresspiegelanstieg], <br>
[http://bildungsserver.hamburg.de/00-globale-daten/3944578/global-meeresoberflaechentemperatur/ Meeresoberflächentemperatur], <br>
 
 
Hier finden Sie eine: [http://bildungsserver.hamburg.de/daten-zum-klimawandel/4119542/arbeitsanweisungen-panoply/ '''Anleitung zur Visualisierung der Daten'''].
<div class=visualClear></div>
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==Schülerarbeiten zum Thema==
'''Schülerarbeiten zum Thema des Artikels''' aus dem [http://klimaprojekt.de Schulprojekt Klimawandel]:
* [http://bildungsserver.hamburg.de/contentblob/3113328/84ab750743ba114b159c4164b02194ba/data/2007-meeresspiegelanstieg.pdf Klimawandel und Meeresspiegelanstieg] über den gegenwärtigen und zukünftigen Meeresspiegelanstieg und seine Ursachen (Anne-Frank-Schule, Bargteheide)
* [http://bildungsserver.hamburg.de/contentblob/3113446/6a18a1527dcc6b8656ad0c94d2b9f381/data/2007-meeresspiegelanstieg.pdf Globaler Meeresspiegelanstieg] Ursachen des Meeresspiegelanstiegs in Gegenwart und Zukunft (Johanneum zu Lübeck)
* [http://bildungsserver.hamburg.de/contentblob/3365390/b1bca83091fdb010ebbc2528c38f3a17/data/2012-meeresspiegel-bangladesch-niederlande.pdf Meeresspiegelanstieg in Bangladesch und den Niederlanden] ein Vergleich (Gymnasium Allee Altona, Hamburg)
* [http://bildungsserver.hamburg.de/contentblob/3113364/c71a1ef1b395013eba98526a3d6c888d/data/2010-meeresspiegelanstieg-folgen.pdf Der Meeresspiegelanstieg und seine Bedrohung für einige Inseln] Folgen des Meeresspiegelanstiegs für tropische Inselstaaten (Anne-Frank-Schule, Bargteheide)
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== Weblinks ==
== Weblinks ==
* [http://www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=themen.klima.meeresspiegel Der globale Meeresspiegelanstieg] Hamburger Bildungsserver
* [http://icdc.zmaw.de/ar5_slr.html AR5 Sea level rise] Hier können Daten zum Meeresspiegelanstieg visualisiert werden.
* Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (13.10.2008): [http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/archiv/aktuelle/201ezoegern-im-klimaschutz-unverantwortlich201c  „Zögern im Klimaschutz unverantwortlich“]
* Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU (2006): [http://www.wbgu.de/wbgu_sn2006.pdf Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch, zu sauer], Sondergutachten, Berlin
* taz vom 09.10.2008: [http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/ein-halbes-grad-zu-viel/ Neue Prognose für Klimawandel • Ein halbes Grad zu viel]


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Aktuelle Version vom 11. September 2021, 20:19 Uhr

Abb. 1: Anstieg des mittleren globalen Meeresspiegels nach verschiedenen RCP-Szenarien bis 2100 im Vergleich zu 1986-2005 - IPCC, AR5 2013

IPCC-Projektionen

Abb. 2: Anstieg des globalen Meeresspiegels nach den Szenarien RCP2.6 und RCP8.5 bis 2100 - IPCC-Sonderbericht SROCC 2019

Der Meeresspiegelanstieg der Zukunft ist eine sehr schwierig zu bestimmende Größe. In Abhängigkeit von den Klimaszenarien und der daraus abgeleiteten Erwärmung lässt sich mit einiger Zuverlässigkeit der Anstieg durch die Ausdehnung des Meerwassers bestimmen. Für das RCP8.5-Szenario gibt der IPCC-Bericht von 2013 einen Meeresspiegelanstieg von 45-82 cm an (Abb. 1). Der Anteil der thermischen Ausdehnung wird dabei auf 30-55% geschätzt. Bei dem niedrigen Szenario RCP2.6 wird eine thermale Expansion von 10 bis 18 cm angenommen.[1] Die Zunahme der Ozeanmasse durch das Abschmelzen von Eis, insbesondere durch die Eisdynamik, ist wesentlich schwieriger zu prognostizieren. Die einzelnen Usachen des Meeresspiegelanstiegs der Zukunft werden weiter unten diskutiert.[2]

Abb. 3: Anstieg des globalen Meeresspiegels nach den SSP-Szenarien bis 2050 und 2100

2019 hat der IPCC einen Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre im Klimawandel veröffentlicht.[3] Darin werden nach Auswertung der nach dem letzten IPCC-Bericht von 2013 veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten die damaligen Einschätzungen über den Meeresspiegelanstieg bis 2100 nach oben korrigiert (Abb. 2). Aktuell liegt die Rate des Meeresspiegelanstiegs bei 3-4 mm für den Zeitraum 2005-2015. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird bei dem niedrigen Szenario RCP2.6, bei dem die Erwärmungsgrenze von 2 °C nach dem Pariser Abkommen von 2015 nicht überschritten wird, diese Rate auf 4-9 mm steigen. Der Meeresspiegel wird bei diesem Szenario bis 2050 um 24 cm und bis 2100 um 29-59 cm ansteigen. Kommt es zu dem hohen Szenario RCP8.5, ist gegen Ende des Jahrhunderts eine Anstiegsrate von 10-20 mm pro Jahr zu erwarten, also etwa viermal so hoch wie heute. Der Anstieg des Meeresspiegels wird dann bis 2050 bei 32 cm liegen und gegen Ende des Jahrhunderts bei 61-110 cm. Die Unsicherheiten der Projektionen nehmen nach 2050 deutlich zu, daher auch die großen Bandbreiten. Hauptgrund sind die Schwierigkeiten, das Abschmelzen des Antarktischen Eisschildes abzuschätzen.[4]

Künftige Ursachen

Als Ursachen für den Meeresspiegel-Anstieg kommen vor allem die thermale Expansion des Meerwassers durch die Erwärmung der Ozeane (thermosterischer Anstieg) und die Zunahme des Wasservolumens durch das Abschmelzen von Eis auf dem Land (eustatischer Anstieg) in Frage.

Sterischer Meeresspiegelanstieg

Die Ausdehnung des Ozeanwassers kann zwei Ursachen haben, die Wärmeaufnahme des Ozeans und eine mögliche Abnahme des Salzgehalts. Die Erwärmung des Meerwassers ist im allgemeinen bei weitem die wichtigste Ursache. In bestimmten Regionen kann aber auch der Salzgehalt die dominierende Rolle spielen.

Die Energiezunahme des Klimasystems durch den Klimawandel wird zu mehr als 90 % vom Ozean aufgenommen. Durch die Erwärmung des Ozeans dehnt sich das Meerwasser aus und bewirkt einen Anstieg des Meeresspiegels, der im Mittel 11 cm pro 1024 Joule beträgt. In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts erwärmen sich vor allem die oberen Schichten der Wassermasse. Mit der Zeit wird die Erwärmung in tiefere Schichten abgegeben, was vor allem im Nördlichen Atlantik und Südlichen Ozean passiert, weil hier die vertikale Zirkulation und turbulente Mischungsvorgänge am ausgeprägtesten sind. Über längere Zeiträume von Jahrtausenden beträgt der Meeresspiegelanstieg durch thermale Expansion nach verschiedenen Modellrechnungen 20-63 cm pro Grad Celsius globaler Erwärmung, bei einem Mittel von 42 cm.[5]

Bis 2081-2100 wird der Meeresspiegelanstieg durch thermale Expansion nach Szenario RCP2.6 im Mittel 14 cm betragen und nach RCP8.5 im Mittel 27 cm.[6]

Eustatischer Meeresspiegelanstieg

Gletscher und Eiskappen

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Anstieg des globalen Meeresspiegels sind die Gletscher der Erde. Sie tragen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts je nach Szenario zwischen 7-17 cm (RCP2.6) und 12-26 cm (RCP8.5) zum Meeresspiegelanstieg bei. Hinzu kommen noch einmal 3-6 cm, wenn die Randgletscher von Grönland und Antarktis einbezogen werden. Große Unsicherheiten bestehen bei den Gletschern, die direkt ins Meer münden und ihr Eis durch Kalben verlieren. Das betrifft etwa 280 500 km2 der globalen Gletscherfläche von 734 000 km2 bzw. 38 %. Diese Gletscher können stoßweise in relativ kurzer Zeit sehr viel Eis verlieren. So hat etwa der Columbia-Gletscher in Alaska 7,65 Gt/Jahr zwischen 1996 und 2007 verloren, was allein von diesem Gletscher einem Beitrag von 1,3 % am gesamten durch Eisschmelze verursachten Meeresspiegelanstieg bedeutete.[7]

Grönland

Abb. 4: Beitrag des Grönländischen Eisschildes zum Meeresspiegelanstieg bis 2100 durch Abschmelzen an der Oberfläche und Eisdynamik nach dem Szenario RCP4.5. Die Farben in der Fläche zeigen den regionalen Beitrag durch Abschmelzen in mm Wasseräquivalente pro Jahr. Die lila bzw. grüne Linie zeigen das Zurückweichen der Gleichgewichtslinie zwischen Akkumulation und Ablation. Die schwarzen Linien zeigen neben dem Rand des Eisschildes die Abflussgebiete von vier wichtigen Auslassgletschern, deren Beitrag zum Meeresspiegelanstieg in den eingelassenen Kästchen dargestellt wird. Im Kästchen oben rechts wird der Beitrag des gesamten Eisschilds zum Meeresspiegelanstieg gezeigt: hellgrau die Bandbreite durch Abschmelzen, dunkelgrau die Bandbreite durch Eisdynamik.

Auch wenn es noch umstritten ist, ob das Abschmelzen der großen Eisschilde gegenwärtig die Hauptursache für den Meeresspiegelanstieg ist oder nicht, geht davon für die fernere Zukunft mit Sicherheit die größte Gefahr aus. Das zeigt schon der Blick auf den gewaltigen Meeresspiegelanstieg seit dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit um 120 m, der fast vollständig durch das Abschmelzen der Eismassen auf den Kontinenten der Nordhalbkugel verursacht wurde, während die Ausdehnung des Meerwassers durch Erwärmung daran nur einen verschwindend kleinen Anteil hatte. Auch in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird bei anhaltender globaler Erwärmung das Abschmelzen Grönlands und von Teilen der Antarktis den Meeresspiegel zunehmend beeinflussen, während der Anteil durch die Erwärmung des Ozeanwassers und der der Gletscher und Eiskappen immer geringer wird.

Der künftige Beitrag des Grönländischen Eisschilds zum Meeresspiegelanstieg wird zunehmend höher ausfallen.[8] Zum einen wird die wachsende Ablation (durch Schmelzen an der Oberfläche) die Akkumulation (durch Schneefall) mehr und mehr übertreffen. Der Niederschlag nimmt zwar nach Modellprojektionen um 5 % pro 1 °C Erwärmung über Grönland zu. Die Zunahme des Schneefalls ist jedoch geringer, weil der Anteil an Regen am Gesamtniederschlag mit der höheren Temperatur wächst. Die Gebiete und die Zeiten, in denen statt Schnee Regen fällt, werden immer ausgedehnter. In diesem Zusammenhang spielen außerdem Feedbackprozesse eine Rolle, durch die die Beschleunigung der Schmelzwasserproduktion zunimmt. Wenn helle Schneeflächen mit einer hohen Albedo beim Schmelzen durch dunklere Wasser- oder wiedergefrorene Eisoberflächen ersetzt werden, verringert sich die Albedo. Die Folge ist eine höhere Absorption von Strahlung, die zu höheren Temperaturen und stärkerem Abschmelzen des Eises führt.

Höhere Temperaturen sowohl in der Atmosphäre wie im Ozean und die Produktion von Schmelzwasser haben außerdem einen viel diskutierten Einfluss auf die Dynamik des Eisschildes, d.h. vor allem auf die Fließbewegungen Richtung Meer. Das ist gegenwärtig schon durch Beobachtungen feststellbar. Der Eisverlust durch das Kalben ins Meer an der Front und das Abschmelzen von im Meer mündenden Gletscherzungen von Auslassgletschern führt schon heute zu erheblichen Eisverlusten, weil sie das Tempo erhöhen, mit dem der Eisschild ins Meer abfließt. Dieses Tempo wird auch dadurch beschleunigt, dass Schmelzwasser in Gletscherspalten unter den Eiskörper gerät und hier wie ein Schmierfilm wirkt.

Über längere Zeiträume ist ein weiterer wichtiger Feedback-Prozess die Verringerung der Höhe des Eisschildes durch das stetige Abschmelzen. Dadurch gerät die Eisoberfläche in Niveaus mit höheren Temperaturen als heute, was das weitere Abschmelzen beschleunigt. Weitere Prozesse, die auf das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds zurückwirken, sind Auswirkungen etwa des Schmelzwasserflusses auf Meeresströmungen, z.B. auf die thermohaline Zirkulation im Nordatlantik. Da das Süßwasser der Eisschmelze die thermohaline Zirkulation schwächen würde, wäre die Rückkopplung eher negativ und würde das Abschmelzen des Eisschildes auf Grönland abschwächen. Der Effekt wird jedoch für dieses Jahrhundert als sehr gering eingeschätzt.

Insgesamt wird der Beitrag des Grönländischen Eisschildes bis 2081-2100 im Vergleich zu 1986-2005 sowohl durch direktes Abschmelzen wie durch die Eisdynamik nach dem Szenario RCP8.5 auf 12 (maximal 23) cm eingeschätzt, nach RCP2.6 auf 7 (maximal 13) cm.[9]

Antarktis

Für das 21. Jahrhundert wird das oberflächliche Abschmelzen des antarktischen Eisschildes wegen der niedrigen Temperaturen als relativ gering eingeschätzt. Ausnahmen sind die Küstenzonen und die Antarktische Halbinsel. Der Schneefall wird dagegen zunehmen, weil die Atmosphäre sich erwärmt und mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Netto wird damit die Masse des Eisschildes um ca. 5 % zunehmen und damit zu einer Absenkung des Meeresspiegels nur durch Schneefall und oberflächliches Abschmelzen um 2 cm nach dem Szenario RCP2.6 und um 4 cm nach RCP8.5 bis 2100 führen.[10]

Der Antarktische Eisschild verliert jedoch nicht nur an Masse durch oberflächliches Abtauen, sondern auch durch den Abfluss von Eis über verschiedene Auslassgletscher Richtung Meer. Berücksichtigt man diese Eisdynamik, ist damit zu rechnen, dass der Antarktische Eisschild durchaus einen positiven Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 leisten wird, der vom IPCC mit einem mittleren Wert von 4 cm unabhängig von den Szenarien angegeben wird.[11] Dabei spielt vor allem das vorgelagerte Eisschelf eine entscheidende Rolle, das den Abfluss des Eises Richtung Ozean wie ein Widerlager verlangsamt. Löst sich dieses Eisschelf auf, kann das Eis ungehinderter ins Meer fließen, so wie es bei der bekannten Auflösung des Larsen-B-Schelfeises an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel im Jahre 2002 der Fall war, das zeitweilig bis zu einer Verachtfachung der Abflussgeschwindigkeit der nachgelagerten Auslassgletscher geführt hat. Das Schelfeis ist zum einen durch das Abtauen an der Oberfläche wie beim Larsen-B-Schelfeis gefährdet, zum anderen durch Abschmelzen von unten, ausgelöst durch wärmeres Ozeanwasser. Diese Prozesse und die Folgen für die Eisdynamik sind nicht nur sehr schwierig zu beobachten, sondern auch nur begrenzt in Klimamodellen abzubilden. Es gibt daher auch keine verlässlichen Berechnungen bis zum Ende des Jahrhunderts.[12]

Gefährdet sind vor allem die großen Eisschelfe der Antarktischen Halbinsel und der Westantarktis. Bevor die großen antarktischen Eisschelfe, das Ross- und das Filchner-Ronne-Eisschelf jedoch ernsthaft bedroht sind, müsste es eine lokale Erwärmung von 5 bis 7 °C geben, die bis zum Ende des 21. Jahrhunderts eher unwahrscheinlich ist. Insgesamt schätzt der IPCC nach Sichtung der vorliegenden Literatur den Meeresspiegelanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts nur durch die dynamische Eisbewegungen des Antarktischen Eisschildes auf -1 bis +16 cm, unabhängig von den Szenarien. Die Bandbreite zeigt die große Unsicherheit und geringe Übereinstimmung bei den bisherigen Untersuchungen. Allerdings wird davon ausgegangen, dass sich der Beitrag durch die Eisdynamik nach dem Jahr 2100 fortsetzt.[13]

Langfristiger Meeresspiegelanstieg


Einzelnachweise

  1. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.5.1 und Table 13.5
  2. IPCC (2013): Working Group I Contribution to the IPCC Fifth Assessment Report Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers
  3. IPCC (2019): IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate
  4. IPCC (2019): Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, Chapter 4: Sea Level Rise and Implications for Low-Lying Islands, Coasts and Communities
  5. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.1
  6. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5
  7. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.2
  8. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.3
  9. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5
  10. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4, FAQ 13.2, Table 13.5
  11. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, Table 13.5
  12. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4
  13. IPCC (2013): Climate Change 2013, Working Group I: The Science of Climate Change, 13.4.4, Table 13.5


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