Michel Houellebecq

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Michel Houellebecq (eigentlich Michel Thomas; * 26. Februar 1958 – gemäß anderen Quellen 1956 - auf Réunion) ist ein französischer Schriftsteller. Heute lebt er in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq gilt in Frankreich zur Zeit als der meistgelesenste, aber auch umstrittenste Autor seiner Generation.

1 Biographie

Sein Vater, ein Hochgebirgsführer, und seine Mutter, eine Anästhesistin, beschlossen früh, Michel zu den Großeltern mütterlicherseits im seinerzeit noch französischen Algerien zu geben. Die Eltern befanden sich in einer Beziehungskrise und sie ließen sich scheiden, als seine Mutter von einem anderen Mann schwanger wurde. Mit sechs Jahren kam Michel zu seiner Großmutter väterlicherseits, einer Kommunistin, deren Mädchennamen er später als Künstlernamen wählte. Der Umzug ins Pariser Umland bedeutete für ihn den Wechsel auf ein Internat in Meaux. Seine Mitschüler dort nannten ihn Einstein.

Nach dem Abitur (baccalauréat) besuchte er am Pariser Lycée Chaptal die Vorbereitungsklassen für technische Hochschulen (Grandes Ecoles). 1975 wurde er zum Studium am Institut national agronomique Paris-Grignon (INA P-G) zugelassen. Hier gründete er nebenher die kurzlebige Literaturzeitschrift Karamazov, für die er einige Gedichte schrieb, und versuchte sich im Drehen eines Film, Cristal de souffrance (Leidenskristall). 1978 beendete er das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur. Statt jedoch berufstätig zu werden, bewarb er sich mit Erfolg um einen Studienplatz in der Sektion Film (Cinématographie) der École nationale supérieure Louis Lumière, die er 1981 aber vor dem Abschluss verließ.

1980 heiratete er die Cousine seines besten Freundes, ein Jahr später wurde sein Sohn Étienne geboren. Dieses Ereignis konnte Houellebecq nicht verkraften: Er war stellungslos, hatte Eheprobleme und litt an Depressionen. Er trennte sich von seiner Frau und begab sich in psychiatrische Behandlung.

1983 bekam er eine Stelle als Informatiker in einer Firma und wechselte später ins Landwirtschaftsministerium. Diese Zeit, rund drei Jahre, verarbeitete er später in Ausweitung der Kampfzone. Neben der Berufstätigkeit schrieb er Gedichte, Kritiken und Rezensionen. Er kam mit verschiedenen Leuten im Pariser Literaturbetrieb in Kontakt und widmete sich schließlich ganz der Schriftstellerei. 1991 erschienen sein Essay H.P. Lovecraft und sein Gedichtsband Rester vivant, dem 1992 der Band La Poursuite du bonheur folgte. Im selben Jahr lernte er seine heutige Ehefrau Marie-Pierre Gauthier kennen.

Vor allem aufgrund der Anfeindungen der französischen Kritik nach seinem zweiten Roman, Elementarteilchen von 1998, zog sich Houellebecq mit seiner Frau nach Irland zurück. Seit 2003 haben sie ein Haus in Südspanien, in der Nähe von Almería.

2 Werk

Er begann in den 80er Jahren mit Gedichten, die 1991 und 92 gesammelt in den Bänden Rester vivant und La Poursuite du bonheur erschienen (Suche nach Glück, 2000). In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der fantastischen Literatur, H.P. Lovecraft, auseinander.

Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 2000) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d'une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge. Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.

In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen seziert Houellebecq, ähnlich wie sein Freund Frédéric Beigbeder, gnadenlos und provokant die narzisstische westliche Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrem Egozentrismus, ihrem Unerfülltsein und ihren Schwierigkeiten, in einer kontakt- und gefühlsgehemmten Gesellschaft menschliche Nähe und gegenseitige Hingabe zu erleben. Insbesondere die sexuelle Frustration erscheint als ein Leitmotiv Houellebecqs, das paradoxerweise auch in Form häufiger Darstellungen erfüllter Sexualität auftritt. Denn eine seiner Spezialitäten, die er besonders in Plateforme zu einer Kunst ausbaut, besteht darin, regelmäßig kurze, halb- bis anderthalbseitige Sexszenen in die Handlung einzufügen. Hierbei werden die Vorgänge (die sich im Rahmen des „Normalen“ halten) samt den dazugehörigen Wahrnehmungen und Empfindungen sachlich und genau, aber dennoch einfühlsam und phantasieanregend dargestellt, und zwar in jenem neutralen, weder kindischen noch plump-obszönen Vokabular, wie es dem Französischen, anders als dem Deutschen, zur Verfügung steht. Eine andere Spezialität Houellebecqs sind die ebenfalls eher en passant eingefügten zeitkritischen Betrachtungen, die durch ihren analytischen Scharfsinn und ihren unprätenziösen Duktus bestechen. Insgesamt ist Houellebecqs Sprache schnörkellos, präzise und eingängig; sein nüchtern-beiläufig wirkender Erzählstil lässt die innere Distanz des Erzählers gegenüber der Welt spürbar werden.

Houellebecqs drei Lyrikbände (Suche nach Glück 1996, Der Sinn des Kampfes, Wiedergeburt 1999) sind im deutschen Sprachraum naturgemäß weitgehend unbekannt geblieben, ebenso seine Essays (einige 2001 wiederveröffentlicht in Die Welt als Supermarkt), die in der internationalen Presse (u. a. Die Zeit) und in namhaften Literaturzeitschriften (u. a. L'Atelier du roman, Paris) erschienen sind.

3 Literarische Motive

3.1 Sadomasochismus

Houellebecq verarbeitet das Phänomen Sadomasochismus inhaltlich in zweien seiner Werke. In Elementarteilchen wird Sadomasochismus als eine der letzten Stufen einer in ein "Sade'sches System" abrutschende Sexualität beschrieben (Teil 2, Kapitel 16 und 21). In Plattform nimmt die Romanfigur Valerié entsprechende in den Pariser Klubs praktizierte Verhaltensweisen als "das genaue Gegenteil von Sexualität" wahr. Hierbei wird Sadomasochismus wiederholt als Beispiel für "subkulturelle Surrogatformen" herkömlicher Sexualität dargestellt.

Houellebecq äußerte sich wiederholt sehr kritisch zum Thema BDSM, z. B. in seinem Vorwort zu Tomi Ungerers Buch Erotoscope:

„Ich liebe Sex, aber SM widert mich an, moralisch ebenso wie körperlich (vorausgesetzt, ein solcher Unterschied existiert) ... Je grässlicher die Schöpfung, desto bewundernswerter der Schöpfer: Tomi Ungerer stellt eine extreme Verkörperung dieses klassischen Paradoxons dar, das sich leicht auflösen lässt, sofern die Kunst funktioniert – will sagen, dass das künstlerische Schaffen uns erlaubt, das Böse in uns wirklich auszudrücken und es auf diese Weise loszuwerden.“[1]

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel sagte Houellebecq über Sadomasochismus:

SPIEGEL: ... oder Sadomaso?

Houellebecq: Sadismus hat mit Sexualität gar nichts zu tun, weil die eigene Lust vom Leid des anderen abhängt. Für mich ist Sadismus nur eine Spielart ganz normaler menschlicher Grausamkeit. So wie man Gefangene foltert oder Tiere quält.[2]

3.2 Ansichten

Houellebecqs Romane werden häufig kritisiert wegen bestimmter Passagen, die in krassem Widerspruch zur gängigen "politischen Korrektheit" stehen und den Autor als Rassisten, Frauenhasser, Reaktionär oder Religions- (meist Islam-)Feind erscheinen lassen, doch sind die betreffenden Aussagen in der Regel ohne Polemik formuliert und werden eher nebenbei gemacht. Houellebecq selbst hat allerdings wenig getan, um negative Vorstellungen über ihn zu relativieren, vielmehr hat er die genannten Aussagen in Interviews bestätigt und bekräftigt.

3.3 Äußerungen zu Figuren der europäischen Geschichte

Auch im historisch-politischen Bereich hat Houellebecq mit provokanten Äußerungen Anstoß erregt. So sagte er in einem Interview, Hitler sei nicht schlimmer gewesen als Napoleon.[3] Seine vorgeblichen Sympathien für Stalin begründete er damit, dass dieser viele Anarchisten umgebracht habe.[4] Den in der offiziellen Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs als oberster Kollaborateur verfemten Staatschef Pétain, nahm er mit der Aussage in Schutz, dass er anders als De Gaulle 1940 nicht geflüchtet sei, sondern sich den Problemen im Land gestellt habe.[5]

3.4 Äußerungen zum Islam

In einem Interview, das er nach dem Erscheinen von Plateforme (2001) dem französischen Literaturmagazin "Lire" gab, sagte Houellebecq unter anderem: „Die dümmste Religion ist doch der Islam.“. Mehrere französische Islamverbände, unter anderem die der Moscheen in Paris und Lyon, sowie die Antirassismusvereinigung MRAP und die französische Menschenrechtsliga warfen ihm daraufhin Islamophobie und anti-islamischen Rassismus vor und verklagten ihn wegen "Anstiftung zum Rassenhass und zur religiösen Gewalt". Die Klage wurde jedoch im Oktober 2002 abgewiesen unter Hinweis auf das Grundrecht, Religionen zu kritisieren.

3.5 Sympathie für die Rael-Sekte

In letzter Zeit hat sich Houellebecq offen als Sympathisant der Rael-Sekte gezeigt. Er ist mit dem Guru Rael befreundet und hat 2003 eine Raelianer-Konferenz in der Schweiz besucht. Sein jüngster Roman Die Möglichkeit einer Insel wie auch die Erzählung Lanzarote sind zum Teil durch raelianische Lehren inspiriert, zeigen aber zugleich eine kritische Distanz zu der Sekte. Die von dieser Ende 2002 verbreitete Nachricht, man habe das erste Klon-Baby geschaffen, wurde von ihm mit Interesse kommentiert.[6] Die Möglichkeit des Klonens von Menschen spielt eine zentrale Rolle für die Struktur der Möglichkeit, indem dort die Haupthandlung um den Protagonisten Daniel Nr. 1 durch seine späteren Klone Daniel Nr. 24 und Daniel Nr. 25 eingeführt, kommentierend begleitet und mit einem Epilog abgeschlossen wird.

4 Werke

5 Literatur

  • Steinfeld, Thomas (Hg.): Das Phänomen Houellebecq, Dumont 2001

6 Weblinks

7 Quellen

  1. Tomi Ungerer, „Erotoscope“, Taschen Verlag Köln, 2001, Seite 8.
  2. Der Spiegel, „Sex im 21. Jahrhundert“ (Heft 48/2000)
  3. „Le fabuleux destin de Michel H.“, Artikel von François Busnel in L'Express Livres, 30.08.2001
  4. Interview in Les Inrockuptibles, August 1998
  5. Didier Sénécal: Michel Houellebecq, Interview in Lire, September 2001
  6. Houellebecq, le nouvel alibi de Raël, Artikel in L'Illustré, Dezember 2003


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