Mündigkeit

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Der pädagogische Begriff von Mündigkeit beschränkt sich nicht nur auf die Übernahme von Verantwortung im Erwachsenenleben oder das Erreichen juristischer Volljährigkeit, er meint darüber hinaus die Vorstellung vom freien und autonomen Menschen, der politisch partizipiert, sich selbst und seine Umwelt reflektiert und sein Leben aktiv gestaltet. Dabei steht die Erziehung zur Mündigkeit in einem historischen Kontext und kann seit der Zeit der Aufklärung als ein klassisches Bildungsideal betrachtet werden.

1 Mündigkeitstheorie

Mündigkeit ist die Fähigkeit des Menschen zur geistigen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Selbstbestimmung. Immanuel Kant beschreibt Mündigkeit durch ihr Antonym: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen“ (Kant, S. 481). Im Umkehrschluss bedeutet Mündigkeit also die Fähigkeit, das eigene Denken und Handeln selbstbestimmt und frei von äußerer Einflussnahme gestalten zu können. Peter Massing erläutert: „Mündig ist der Mensch, wenn er zu eigenem Denken gelangt ist, wenn er von Vorurteilen und Verblendungen frei […] gelernt hat, Vorgefundenes kritisch zu reflektieren […], um auf dieser Basis zu entscheiden“ (Massing 1999, S. 186). Klaus Roth stellt ebenfalls den Bezug zu Kants Theorem der Aufklärung her und leitet daraus, als Perspektive des Schulunterrichts (siehe auch Erziehungsziel) unter dem Gesichtspunkt der Erziehung zur Mündigkeit, die „Einübung in reflexives Denken und die Stärkung der individuellen Kritikfähigkeit, die Ermächtigung der Schüler zur kritischen Hinterfragung jeglicher Dogmen, […] Lehrsätze und Autoritäten“ (Roth 1999, S. 20) ab.

2 Erziehungsinstanzen

Das Verständnis von Erziehungsinstanzen, der personellen Ausübung und der Einfluss auf das Individuum, variiert unter den Erziehungstheoretikern.

2.1 Rousseau

Nach Rousseau gibt es drei Erzieher, die ein Individuum erziehen: die Natur, die Dinge und der Mensch. Die Natur meint in diesem Zusammenhang die biologische Entwicklung und die Dispositionen bzgl. der individuellen Neigungen; die Dinge beschreiben die Erlebnisse und Erfahrungswerte, die die Entwicklung beeinflussen und der Mensch ist das flexibelste Element in der Erziehung. Da die ersten beiden Komponenten unveränderlich seien, müsse der Mensch seine Interventionen an die Einflüsse der Natur und der Dinge anpassen. Die erziehende Instanz sollte nach Rousseau nur eine Person sein, die eine Führungsrolle einnimmt und die verschiedenen Betreuungspositionen (Kinderfrau, Erzieher, Lehrer) in sich vereint.

2.2 Kant

Kant hingegen weist dem Zögling entsprechend seines Entwicklungsabschnittes verschiedene Erziehungspersonen zu, doch in jedem Fall gilt, dass die Erziehung durch die ältere Generation zu erfolgen hat. Im Säuglingsalter sind die Eltern verpflichtet, das Kind zu "warten" (ernähren, pflegen) und mit Beginn des Schulalters sollte die öffentliche Erziehung die häusliche ersetzen, da diese von studiertem Fachpersonal übernommen wird, so dass eine wissenschaftlich fundierte, hochwertige Bildung gewährleistet ist. Die öffentliche Erziehung verhindert Fehler, die der häuslichen Erziehung in höherem Maß unterlaufen und auch auf die nächste Generation übertragen werden würde.

2.3 Adorno

Adorno sieht als Erziehungsinstanz sowohl Familie, die Schule aber auch Medien und Personen, die indirekt Einfluss nehmen. Die Grundlagen zur Mündigkeit werden in den jeweiligen sozialen Schichten und Verhältnissen gelegt. Für eine förderliche Entwicklung stellt er sich eine "Vaterfigur" für ein Kind vor, übernimmt damit die Gedanken Freuds, die in dem Punkt "Mündigkeit nach Adorno" genauer erläutert werden. Auf schulischer Ebene bezieht er insofern Stellung, als dass sie die Kinder "zum Widerspruch und Widerstand" erziehen soll. Damit soll Mündigkeit im Sinne des Hinterfragens, des Entdeckens der Wahrheit vor allem in bezug auf die Medien vermittelt werden. Adorno vernachlässigt Klein- sowie Grundschulkinder, er geht nur von Kindern der weiterführenden Schulen aus.

3 Mündigkeit nach Adorno

3.1 Definition von Mündigkeit

Nach Adorno ist Mündigkeit, in Anlehnung an Kant, ein Aspekt der Persönlichkeit, die die Fähigkeit eines Menschen meint, vernünftig und autonom handeln zu können. Dies bedeutet die eigenständige und unabhängige Meinungsbildung, kritische Reflexion, deren angemessene Arktikulation, das Hinterfragen, ggf. Kritisieren der Gegebenheiten und Intentionen sämtlicher Geschehnisse. Diese Fähigkeit sei keineswegs angeboren, sondern müsse sich erst entfalten, woran sowohl die Familie als auch die Gesellschaft beteiligt seien. Mündigkeit beziehe sich auf alle Bereiche des Lebens und in jedem müsse sie erst erlernt werden (Adorno, S. 145). Die konsequente Umsetzung basiere auf der Einigkeit und Identifikation mit sich selbst (S. 141), d.h. die Vereinbarung von persönlichen Idealen mit deren Umsetzung und ggf. im Kontrast zum Druck der Gesellschaft stünden. Personen, die diesen Konflikt nicht bewältigen können, würden als Ausgleich nur die soziale Rolle eines Erwachsenen einnehmen, der sie nie geworden seien. In der Realität sei die selbstbestimmte Existenz für das Individuum nicht möglich. Adorno spricht hier von der „Verherrlichung der Heteronomie“ (S. 139, 141). Unsere Gesellschaft sei nicht autonom gesteuert, denn die funktionale Differenzierung unseres Gesellschaftssystems mache Unabhängigkeit unmöglich, da sämtliche Instanzen miteinander und untereinander verflochten seien – jedes Individuum sei von einem Element der Gesellschaft abhängig. Die bestehenden „Vermittlungsinstanzen“ innerhalb der Gesellschaft formten die Menschen so, „daß sie innerhalb dieser heteronomen, dieser ihr in ihrem eigenen Bewußtsein entrückten Gestalt alles schlucken und akzeptieren“ (S. 144).

3.2 Gründe zur Erziehung zur Mündigkeit

Um einen demokratischen Staat im Sinne und zum Wohl der Mehrheit vernünftig regieren zu können, bedarf es der Fähigkeit zur Mündigkeit in der Gesellschaft, denn die „Demokratie beruht auf der Willensbildung eines jeden Einzelnen“ (S. 133). Um einen Staat demokratisch führen zu können, müssen die Kinder, die zukünftigen Wähler, also zur Mündigkeit erzogen werden.

3.3 Erziehung zur Mündigkeit

Adorno bezieht sich im Zusammenhang von Entfaltung zur Mündigkeit auf Theorien Sigmund Freuds: Kinder identifizierten sich mit einer Vaterfigur, verbänden mit ihr Ideale und Werte. Nachdem diese verinnerlicht wurden, müssten sie oft feststellen, dass die Vaterfigur diesen Ansprüchen selbst nicht genüge – in Folge dessen lösten sie sich von dieser Bezugsperson und würden nur dadurch zum mündigen Menschen. Dies sei ein Prozess der Identitätsfindung, der Ausbildung eines starken Ichs, der sich erst vollziehen müsse. Die Vaterfigur sei als Autorität zu bezeichnen und müsse nicht der biologische Vater sein. Autorität wird nach Adorno nicht als Machtinstanz verstanden, sondern als die Anerkennung eines anderen Menschen aufgrund seines umfangreicheren Wissens und seiner Lebenserfahrung. Autorität im Sinne des Machthabers, die von vielen Lehrern praktiziert würde, erziehe allenfalls zur Scheinmündigkeit und könne nicht als vertretbare Autorität gewertet werden. Lehrer als Erziehungsinstanz sollten ihre Schüler lehren, keinen Lehrer zu benötigen (S. 140). Kern seiner Erziehungstheorie ist die Erziehung der Kinder „zum Widerspruch und zum Widerstand“, was in der Schule in höheren Klassen durchaus möglich sei. „[…] So daß man einfach versucht, zunächst einmal überhaupt das Bewußtsein davon zu erwecken, daß die Menschen immerzu betrogen werden, […] daß die Welt betrogen sein will […]“ (S. 146). Hier sollte die kritische Reflexion, keine unbegründete oppositionelle Haltung im Allgemeinen, von Konsum- und Unterhaltungsgütern und ein Bewusstsein für Betrugsabsichten und Betrugsforderungen der Welt vermittelt werden. Adorno bezieht sich an dieser Stelle vorwiegend auf Jugendliche, nicht auf Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter (siehe auch Definition von Mündigkeit). Auch in der Weiterbildung oder Umschulung von Berufstätigen sollte mehr Wert auf die Erweiterung von nötigen Orientierungshorizonten oder Denkweisen gelegt werden, als auf die bloße Ausbildung von Fertigkeiten zur Ausübung der entsprechenden Tätigkeiten.

4 Literatur

  • ADORNO, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit 1969. In: Ders.: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker. Hg.: Gerd Kadelbach. Frankfurt am Main, 1972. S. 133-147
  • KANT, Immanuel: Über Pädagogik. In: Groothoff, Hermann (Hg.): Ausgewählte Schriften zur Pädagogik und ihrer Begründung. Paderborn, 1963. S. 71-83
  • MASSING, Peter: Politische Bildung. In: Richter, Dagmar/ Weißeno, Georg (Hrsg.): Lexikon der politischen Bildung. Band 1: Didaktik und Schule. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 1999
  • ROTH, Klaus: Aufklärung. In: Richter, Dagmar/ Weißeno, Georg (Hrsg.): Lexikon der politischen Bildung. Band 1: Didaktik und Schule. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 1999
  • ROUSSEAU, Jean-Jaques: Emil oder über die Erziehung. Erstes Buch, erstes Kapitel: "Grundgedanken, Arten der Erziehung" Paderborn u.a., 1971. S. 9-29

5 Weblinks


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