Antipädagogik

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Plakat von K.R.Ä.T.Z.Ä
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Antipädagogik ist eine in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommene Bewegung, die ihre Position als radikale Gegenthese zur traditionellen Pädagogik versteht. Antipädagogen lehnen jegliche erzieherische Handlung ab und fordern stattdessen die absolute Gleichberechtigung von Kindern und Erwachsenen. Im deutschsprachigen Raum wurden die antipädagogischen Ideen vor allem durch Ekkehard von Braunmühl und die Veröffentlichung seines Buches "Antipädagogik - Studien zur Abschaffung der Erziehung" im Jahre 1975 bekannt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] 1 Entstehung

Ausgangspunkt der antipädagogischen Bewegung war die Kultur-Revolution der 68’er-Bewegung und die damit verbundene Krise der institutionalisierten staatlichen und privaten Bildungs- und Erziehungseinrichtungen. Damals wurden viele alte Denkstrukturen und Autoritäten in Frage gestellt. In dieser Zeit der Studentenproteste, Vietnamkrieg-Proteste, Bürgerrechtsbewegungen, Friedensbewegungen und der sexuellen Revolution hat die Antipädagogik ihren Ursprung. Antipädagogik stellt nicht nur die Pädagogik in Frage, sie ist ebenso eine Absage an Gewalt, Herrschaft und Macht auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Antipädagogik hat sich aus der Antipsychiatrie entwickelt, welche entscheidend von Michel Foucault beeinflusst wurde.


Beide Bewegungen haben gemeinsam, dass sie Institutionen überhaupt ablehnen, da durch die dortigen Organisationsformen und internen Umgangsregeln gewisse Verhaltensweisen erst auftreten oder verstärkt werden. So sind Antipsychiater der Auffassung, dass die psychische Krankheit nur eine gesellschaftliche Zuschreibung und die Psychiatrie somit ein Instrument der Abgrenzung sei. Man wird als „verrückt“ etikettiert, sobald man in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Zu den Ersten, die die Gedanken der Antipsychiatrie auf die Pädagogik übertragen haben, gehört Maud Mannoni, die mit debilen Kindern arbeitete. Jedoch ist das, was Mannoni als Antipädagogik tituliert durchaus pädagogisches Handeln.


„Das Kind wird hier nicht mehr rigiden Ritualen des Überwachens und Strafens ausgesetzt, sondern lebt in einem offenen Haus, nicht länger unter hermetischer Abriegelung von der Außenwelt. Es kommt jedoch nicht zu einer völligen Preisgabe verbindlicher Grenzsetzungen und Regelungen, weil diese auch eine positive Funktion im Hinblick auf die psychische Stabilisierung der Kinder ausüben.“ [1]


1974 übertrug der Pädagogikprofessor Heinrich Kupffer den antipsychiatrischen Ansatz auch im deutschen Sprachraum auf die Pädagogik. Die Grundgedanken der Antipsychiatrie lassen sich jedoch nicht eins zu eins auf die Pädagogik anwenden, da die pädagogischen Institutionen wie Kindergarten oder Schule keine „totalen Institutionen“ sind, das heißt keine geschlossenen Systeme wie Gefängnisse, Psychiatrische Kliniken usw.


Auch der von Max Stirner durch sein Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844) geprägte Ich-Bezug schlägt sich im antipädagogischen Konzept nieder, auch wenn er dort in anderer Weise verwendet wird.


„Die Reduktion aller Erfahrungen auf das Ich als letzten Referenzpunkt prägt die antipädagogische Stimmung nachhaltig, die ja selbst immer wieder darauf verweist, dass es keine allgemeingültigen Werte mehr gibt und infolgedessen nur noch eins sicher ist, nämlich das eigene Ich. Das Ich wird aber anders als bei Stirner nicht primär über den Willen, sondern über ein eigentümliches Verhältnis von freiem Willen und ungebundenem Gefühl verstanden.“ [2]


Eine andere verwandte Bewegung ist die Kinderrechtsbewegung aus den USA, welche sich in den 1970er Jahren entwickelte. Sie stellt die Rechte von Kindern anstelle des Kinderschutzes in das Zentrum ihrer Forderungen und propagiert die juristische Gleichstellung von Kindern und Erwachsenen.


Im Jahr 1977 sensibilisierte Katharina Rutschky durch die Veröffentlichung Ihres Buches „Schwarze Pädagogik“ eine breite Öffentlichkeit für die im Namen der Erziehung begangenen Misshandlungen wie körperliche Züchtigung in der Schule o.ä.

[Bearbeiten] 2 Grundzüge

Im Gegensatz zu den Vertretern der antiautoritären Erziehung geht es der antipädagogischen Bewegung nicht um eine Alternative zur klassischen Pädagogik, sondern um deren Negation, denn jede Erziehung verforme und verzerre die Kindes- und Menschennatur. Erziehung ist gemäß der antipädagogischen Theorie gleichbedeutend mit „Fremdbestimmung, Misshandlung und Ausübung narzisstischer Machtgelüste“ [3] . Die Vorstellung, dass das Kind ein nicht vollwertiges und damit prinzipiell erziehungsbedürftiges Wesen sei, wird von den Antipädagogen abgelehnt, folglich hat die Antipädagogik keine pädagogischen Ziele, die das Kind erreichen soll, sondern ihr Ziel ist die radikale Abschaffung der Erziehung. Die antipädagogische Bewegung fordert eine neue Eltern-Kind-Beziehung und postuliert eine absolute Gleichberechtigung von Kindern und Erwachsenen. Daraus ergibt sich für die Antipädagogen, dass niemand das Recht habe, einen anderen zu erziehen oder sonst in irgendeiner Weise nach seinen Vorstellungen zu formen und zu lenken. Dabei zielt die Antipädagogik nicht nur auf die Pädagogik, sondern auf alle Maßnahmen und vor allem Einstellungen, welche die Würde und die Gefühle der Kinder verletzen. Die Antipädagogen fordern, dass Kindern aufgrund ihrer natürlichen Andersartigkeit keine Nachteile entstehen dürfen und Erwachsene ihnen in einer juristisch gleichberechtigten Beziehung mit Respekt und Rücksichtnahme begegnen sollen. Es sei die Aufgabe der Eltern ihre Kinder zu begleiten, zu unterstützen und zu beraten, nicht aber zu erziehen. Die Notwendigkeit der Abschaffung von Erziehung und die Forderung nach Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung von Kindern stellen die Kernaussagen der Antipädagogik dar.


Der gravierende Unterschied zwischen dem antipädagogischen Erziehungsbegriff und der in den Erziehungswissenschaften vorherrschenden Auffassung von Erziehung resultiert aus den völlig gegensätzlichen Menschenbildern, die beiden Theorieansätzen zugrunde liegen.


[Bearbeiten] 2.1 Das antipädagogische Menschenbild

Das theoretische Fundament jeder Pädagogik ist die Überzeugung, dass der Mensch ein erziehungsbedürftiges Wesen sei, mit den Worten von Immanuel Kant: „ Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.“ [4] Häufig wird die Erziehungsbedürftigkeit von der Sichtweise abgeleitet, dass der Mensch ein biologisches Mängelwesen sei und zum Ausgleich dieser Mängel schon allein für das physische Überleben geistige Fähigkeiten entwickeln und kulturelle Techniken erlernen müsse und er deshalb der Beratung und Erziehung bedürfe:


„ Der Mensch ist offensichtlich von Natur aus ein erziehungsbedürftiges Wesen, d.h. ein Wesen, das von seiner Geburt an auf Lernen angewiesen ist, um schon im rein physischen Sinne überleben zu können. Er ist von Natur aus ein ‚homo educandus’.“ [5]


Unabhängig ihrer Herleitung stellt die pädagogische Grundannahme einer generellen Erziehungsbedürftigkeit des Menschen die wesentliche Begründung und Rechtfertigung von Erziehung dar. Das pädagogische Handeln begründet sich dadurch, dass der Erwachsene zum Wohle des Kindes Entscheidungen für und über das Kind trifft und damit gleichzeitig die Verantwortung für das Kind übernimmt.


Diesem traditionellen pädagogischen Bild vom Menschen als einem erziehungsbedürftigen Wesen stellt die Antipädagogik ihre radikale Antithese gegenüber: kein Mensch ist erziehungsbedürftig. Dieser Ansatz basiert auf einem Menschenbild, demgemäß das Kind eine „ursprüngliche Natur“ besäße, die erhalten und deshalb vor aller gesellschaftlichen Zähmung und persönlichen Beeinflussung geschützt werden müsse. Laut antipädagogischem Verständnis folge die „ursprüngliche Natur“ ihrem „eigenen Entwicklungsgesetz“, sofern man ihr Raum gäbe und sie freundlich annehmen würde. [6] Der antipädagogische Ansatz geht davon aus, dass Kinder von Geburt an zur Selbstbestimmung und Selbstverantwortung fähig seien und folgert deshalb, dass kein Erwachsener für Kinder verantwortlich ist. Antipädagogen sehen in dem Postulat der Erziehungsbedürftigkeit, welche die Pädagogen mit der Unfähigkeit der Kinder zur Selbstbestimmung und Selbstverantwortung begründen, einen vorgeschobenen Grund, Macht auszuüben:


„Die einzige Legitimation von Herrschaft in der Erziehung besteht heute in der schon genannten ontogenetisch bedingten Unmündigkeit.“. [7]


Die antipädagogische Vorstellung einer ontologischen Spontanautonomie stellt sich als eine Umkehrung all jener Autonomievorstellungen dar, die die Geschichte des pädagogischen Denkens hervorbrachte. Autonomie im antipädagogischen Ansatz ist der Ausgangspunkt der menschlichen Entwicklung, während sie in der pädagogischen Theorie durch erzieherisches Handeln erst hergestellt werden muss und als zentrales Ziel der Erziehung aufgefasst wird. Die „Erziehung zur Mündigkeit“ oder „Erziehung zur Emanzipation“ sind sowohl politische als auch pädagogische Ziele, aber aus Sichtweise der Antipädagogik sind sie nicht nur überflüssig, sondern unvereinbar mit der Menschenwürde. Dieser Auffassung liegt eine ganz spezielle, d.h. eine antipädagogische Definition von Erziehung / Pädagogik zugrunde.

[Bearbeiten] 2.2 Der antipädagogische Erziehungsbegriff

Die Antipädagogik wendet sich von sämtlichen pädagogischen Theorien radikal ab, denn sie versteht Erziehung ausschließlich als planmäßige, intentionale, auf das Kind als Objekt gerichtete Akte, welche erwünschte Denk- und Verhaltensweisen sowie Werte und Normen etablieren sollen. [8] Aus antipädagogischer Sicht handelt es sich bei jeglicher Art der Erziehung, unabhängig ihrer Ziele und Mittel, um einen moralisch verwerflichen Eingriff in das Leben von Kindern oder Jugendlichen. Erziehung wird demnach als Akt der Herrschaft, Gewalt, Fremdbestimmung und Unterwerfung aufgefasst:


„Erziehung impliziert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen, in der Regel ein Gewaltverhältnis der Erwachsenen bzw. bestimmter Erwachsener (Eltern, Lehrer) über Kinder und Jugendliche.“ [9]


„Man muss sich nur das totale Ausgeliefertsein des Neugeborenen (!) an seine Eltern und andere Erwachsene in vollem Ausmaß vorstellen, um ermessen zu können, in welchem Maße in der ersten Zeit Lernen (!) identisch ist mit Unterwerfung (!!)“ [10]


Für Ekkehard von Braunmühl sind Pädagogische Vorgänge „ganz bewußt kinderfeindliche Vorgänge, denn ein Kind kann (und darf offenbar) keine Selbstachtung, kein positives Selbstwertgefühl entwickeln, wenn es an fremden (sogar „gegensätzlichen“: die Erwachsenen erhalten den Freibrief, jeden Scheiß als pädagogisch zu verkaufen; das Kind ist Freiwild) Norm- und Zielvorstellungen (...) gemessen und mit durch sie bestimmten erzieherischen Verhaltensweisen traktiert (...) werden.“ [11], denn der „Anspruch, andere Menschen zu verbessern, zu verändern, kann durch keinen Trick der Welt mit den Ideen von Toleranz, Respekt, Vertrauen in Übereinstimmung gebracht werden.“ [12].


Der Erzieher wird im antipädagogischen Ansatz als Vertreter der gesellschaftlichen Anforderungen, „der Ordnung, Disziplin und Leistung, und nicht auf der Seite des Kindes, seiner Bedürfnisse, Gefühle, Nöte und Ängste“ [13] verstanden:


„Das erste Lernen des Kindes ist gewissermaßen Unterwerfung unter das, was die Eltern sind und fordern (!), und was die Eltern fordern (!), ist wie gesagt zu einem guten (!) Teil das, was die Gesellschaft fordert (!) bzw. was in der sozialen Schicht der Eltern üblich (!) ist.“ [14]


Dem Erzieher gehe es gemäß der antipädagogischen Theorie nicht darum, den Zögling in einer gleichberechtigten Diskussionssituation zu überzeugen, sondern, ihn emotional zu bekehren, diese Form der Manipulation ziele nicht auf den Verstand des Zöglings ab, sondern auf seine Seele:


„ Fundamentales Ziel der Erziehung ist die Änderung seelischer Prozesse und Zustände von Menschen; z.B. Änderungen von Verhaltensweisen, Änderungen der Umweltwahrnehmung, des Fühlens und Denkens, der Motivation, der Einstellung u.a.m.“ [15]


Ekkehard von Braunmühl spricht in diesem Zusammenhang von zunehmend trickreich veranstalteter Gehirnwäsche und einem - unabgängig von sonstigen Differenzen zwischen den verschiedenen pädagogischen Strömungen - vorherrschenden pädagogischen Konsens, dass Kinder eine Gehirn- und Seelenwäsche nötig haben [16]:


„ Erzieherisch ist es ja so überaus wichtig, das Kind dazu zu bringen, dass es schließlich selber will, was es den Bildungsintentionen nach soll.“ [17]

[Bearbeiten] 3 Antipädagogik heute

Als eine der ganz wenigen Einrichtungen in Deutschland hat sich der 1. APC ( 1. Antipädagogischer Club) Kinderhaus e.V.   in Wiesbaden seit seiner Gründung durch Ekkehard von Braunmühl und andere 1970 bis heute die Tradition des antipädagogischen Konzeptes bewahrt.

Unterstützung erhalten antipädagogische Ideen durch den KinderInformationsDienst (Kid) – heute Bestandteil von Kidweb.de – und von dem Berliner Kinderrechtsprojekt Krätzä.

[Bearbeiten] 4 Einzelnachweise

  1. Oelkers, Jürgen und Lehmann, Thomas (1990), S. 31
  2. Ebd. S. 12
  3. Flitner, Andreas (1982), S. 37
  4. Kant, Immanuel, zitiert nach: Böhm, Winfried (2000)
  5. Giesecke, Hermann (1969): Einführung in die Pädagogik, zitiert nach von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 63
  6. Vgl. Flitner, Andreas (1982), S. 37
  7. Giesecke, Hermann (1969): Einführung in die Pädagogik, zitiert nach von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 67
  8. Vgl. von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 64ff
  9. Giesecke, Hermann (1969): Einführung in die Pädagogik, zitiert nach von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 65
  10. Ebd., S. 67
  11. von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 72
  12. Ebd., S. 73
  13. Flitner, Andreas (1982), S. 38
  14. Giesecke, Hermann (1969): Einführung in die Pädagogik, zitiert nach von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 67
  15. Ebd., S. 74
  16. Vgl.: von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 77
  17. Geißler, Erich E. (1973), zitiert nach von Braunmühl, Ekkehard (2006), S. 77

[Bearbeiten] 5 Literatur

  • Böhm, Winfried: Wörterbuch der Pädagogik, 15. überarbeitete Aufl., Stuttgart 2000, ISBN 3-520-09414-2
  • von Braunmühl, Ekkehard: Antipädagogik. (1975). Neuauflage: tologo verlag, Leipzig 2006, ISBN 978-3-9810444-3-0
  • von Braunmühl, Ekkehard: Zeit für Kinder (1978). Neuauflage: tologo verlag, Leipzig 2006, ISBN 978-3-9810444-2-3
  • von Braunmühl, Ekkehard: Zur Vernunft kommen. Beltz, Weinheim 1990, ISBN 3-407-34036-2
  • Böhm, Annette/von Braunmühl, Ekkehard: Gleichberechtigung im Kinderzimmer. Der vergessene Schritt zum Frieden. Patmos Verlag, Leipzig 1994, ISBN 3-491-50012-5
  • Flitner, Andreas: Konrad sprach die Frau Mama… Über Erziehung und Nicht-Erziehung, Berlin 1982, ISBN 3-407-22150-9
  • Oelkers, Jürgen und Lehmann, Thomas; Antipädagogik - Herausforderung und Kritik, 2., erweiterte Auflage, Weinheim und Basel 1990, ISBN 3-407-34034-6

[Bearbeiten] 6 Weblinks

[Bearbeiten] 7 Siehe auch


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